In jedes Lehrerzimmer gehört eine Ideenecke

Seit nunmehr fünf Jahren gebe ich regelmäßig Lehrerfortbildungen an Instituten und Schulen. Besonders freue ich mich immer, wenn ich an einer Schule ein ganzes Lehrerkollegium auf einmal fortbilden darf.

Der Vorteil einer solchen Lehrerfortbildung im eigenen Haus liegt für mich auf der Hand. Alle Kolleginnen und Kollegen können sich gemeinsam mit ihrer Schulleitung zur gleichen Zeit mit demselben Thema auseinandersetzen. Das fördert nicht nur die Teamentwicklung im Kollegium, sondern hat häufig auch noch einen positiven Effekt auf die Motivation der Lehrerinnen und Lehrer.

In jedem Kollegium schlummern Ideen

Denn ganz egal, ob es in der Lehrerfortbildung um Schulverwaltung, Lehrergesundheit, Classroom Management oder Schulentwicklung geht, setzt nach kurzer Zeit ein unglaubliches Aha-Erlebnis im Kollegium ein: Viele Schulleitungen und Lehrkräfte entdecken auf einmal, wie kreativ und innovativ ihr eigenes Kollegium ist.

Manchmal scheint es so, als habe jemand eine im sonstigen Schulalltag zugefrorene Leitung freigelegt. Wie aus heiterem Himmel sprudeln auf einmal kreative Ideen und originelle Vorschläge nur so aus den Lehrerinnen und Lehrern heraus. Wie bei einem Vulkanausbruch entlädt sich ein Schwall an innovativer Energie, welcher dazu führt, dass für langwierige schulinterne Probleme plötzlich Lösungen gefunden oder gar ganz neue Entwicklungen angestoßen werden. 

Die Frage, die nach einem solchen Synergieeffekt häufig im Raum stehen bleibt, ist oft die gleiche: Warum steht uns Lehrkräften diese Kreativität als Ressource nicht ständig zur Verfügung? Warum tun wir uns in unserem Schulalltag so schwer, quer zu denken und Lösungen zu finden?

Eine Ideenecke im Lehrerzimmer

So verständlich diese Frage ist, so falsch ist sie auch gestellt. Kreativität ist als Ressource ständig vorhanden. Wir haben immer gute Ideen und originelle Vorschläge – ganz gleich, ob wir Unternehmensberater, Bäcker, Gärtner oder Lehrer sind. Die Frage ist vielmehr, wie wir mit unserer Kreativität umgehen. Schätzen wir unsere Ideen wert? Halten wir sie auch fest? Wem teilen wir sie mit? Und auf welche Art und Weise? Dürfen andere unsere Ideen auch weiterentwickeln oder halten sie wir streng geheim?

Wenn ich in die Schulen und ganz besonders dort in die Lehrerzimmer blicke, muss ich ganz klar sagen: Nein, das tun wir Lehrer nicht. Die meisten Lehrerzimmer der Republik ähneln sich wie ein Ei dem anderen. Die Einrichtung ist stets die gleiche: Lehrertische, Bücherregale, Stundenpläne, Lehrerfächer, viele Wandpaneele mit Verwaltungsschreiben, Vertretungsplänen, herumstehende herrenlose Kaffeetassen, zahlreiche Stapel mit Arbeitsunterlagen, Kopiergeräte und dergleichen.

Was fehlt, ist eine Ideenecke! Eine Ecke mit einem Stehtisch, Haftzetteln, reichlich Papier, Wandplakaten, Eddings, Scheren, Klebstoff, Bleistiften, Malfarben und sonstigen Utensilien zum Kreativsein. Ein Ort, an dem jede Lehrkraft Ideen, Vorschläge und Lösungen festhalten kann und jede andere sie dann lesen, kommentieren oder sogar weiterentwickeln kann.

Solche Ideenecken oder Ideentische sucht man in deutschen Lehrerzimmern im Jahr 2019 vergeblich. Stattdessen gibt es mehrere Schwarze Bretter, an denen hauptsächlich nur Verhaltensregeln, Stundenpläne, Vorschriften, Informationen, Kontrollschreiben und sonstige Abläufe ausgehängt sind.

Unterrichten ist ein kreativer Beruf 

Lehrer sind Künstler. Und Unterrichten ein kreativer Beruf. Doch das scheint an vielen Schulen im Tagesgeschäft leicht in Vergessenheit geraten zu sein. Sonst würde man der Kreativität und dem kreativen (Quer-)Denken im Kollegium einen höheren Stellenwert einräumen. Eine Ideenecke im Lehrerzimmer kann dazu ein erster Schritt sein.