Digital Detox – meine digitale Fastenzeit

Die Zahlen sind alarmierend. Drei Stunden pro Tag schauen Deutsche auf ihr Handy, Amerikaner sogar vier Stunden. Im Schnitt checken Deutsche zwischen 18 und 24 Jahren 56 Mal am Tag ihr Smartphone. Kein Wunder, dass viele Menschen das Gefühl haben, dass ein Leben ohne Smartphone nicht möglich ist. 

Zu diesen Zahlen kommt die Studie „Global Mobile Consumer Survey“ von Deloitte aus dem Jahr 2018. Zahlen, die uns zu denken geben sollten. Scheinbar haben wir unser Handy häufiger in der Hand, als es uns lieb ist. Denn das zeigt die Studie auch. 46 Prozent der Deutschen versuchen ihr Handynutzen bewusst zu reduzieren. 

Wer beherrscht eigentlich wen?

Auch ich habe mich schon mal kritisch mit der Nutzung meiner digitalen Medien auseinandergesetzt. Denn auch mir fällt auf, dass ich an manchen Tag viel zu oft auf mein Smartphone, Tablet oder Laptop blicke. Vor allem das Handy lenkt viel unserer Aufmerksamkeit auf sich. Da nützt es wenig, es nur lautlos zu stellen. Schließlich gibt es ja noch so viel mehr, was sich bemerkbar machen kann: der Vibrationsalarm, viele aufblinkende Push-Nachrichten, jeder neue Like und Kommentar, jede neue spannende Nachricht aus dem Newsfeed und noch vieles mehr. Alles Dinge, die wir eigentlich beherrschen sollten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Dinge beherrschen uns. 

„Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, werd´ ich nun nicht los.“ Wie Goethes Zauberlehrling wirken auch wir im Umgang mit unseren digitale Endgeräten oftmals ziemlich hilflos. Aber eine Lösung ist in Sicht: Digital Detox – eine Art digitale Fastenzeit. Überall liest man davon. Schüler, die während der Fastenzeit im Februar oder März ihre Handys für eine Woche abgeben und somit auf Snapchat, Instagram und WhatsApp verzichten. Manager, die eine Woche lang in Gedanken ins digitale Kloster gehen und ohne Bildschirme leben. Das Ziel: Wieder mehr bei sich sein, gesünder und bewusster leben. Digital Wellbeing sozusagen. Damit man ja nicht an FOMO erkrankt, an der „Fear of missing out“ – der Angst, etwas zu verpassen. 

Digital Detox als Selbstverordnung 

Auch ich mache hin und wieder Digital Detox. Und das nicht nur in der Fastenzeit, sondern regelmäßig und selbstverordnet. Nachts befindet sich mein Handy weder in meiner Nähe noch auf Empfang. Tagsüber schalte ich es immer wieder in den Flugmodus, vor allem, wenn ich kreativ sein muss, wichtige Besprechungen habe oder Seminare bzw. Lehrerfortbildungen abhalte. 

Darüber hinaus habe ich mir die Macht über mein Smartphone wieder zurückgeholt. Keine App blinkt, piept, pusht oder vibriert mehr. Einzig und allein ich entscheide, wann ich Nachrichten, Messages, E-Mails, Likes oder Kommentare lese. 

Mein erstes Digital Detox habe ich mir übrigens am Ostersamstag 2016 selbst verordnet. Ich hatte gerade die Wochenendausgabe meiner Tageszeitung online gelesen, als ich plötzlich das Bedürfnis verspürte, mich über die Osterfeiertage digital auszuschalten. Mein Entschluss war recht spontan, Folgen hatte ich nicht bedacht. Ich setzte noch einen letzten Tweet bei Twitter ab, bevor ich dann mein Smartphone ausschaltete und es zusammen mit meinem Laptop und dem Tablet ins Regal legte. Nur wenige Minuten nach meinem letzten digitalen Lebenszeichen war ich auch schon draußen und machte einen Spaziergang.

Meine erste digitale Fastenzeit 

Während ich durch die Natur schlenderte, beschlich mich schon nach kurzer Zeit ein komisches Gefühl. Ich haderte mit mir und meiner spontanen Entscheidung. Bis Dienstag nach Ostern nicht mehr auf mein Smartphone schauen? Keine E-Mails mehr abrufen? Und auch nicht Twitter checken? Geht das? 

Es ging natürlich nicht. Unmittelbar nach dem Spaziergang, der vielleicht ein halbe Stunde gedauert hat, musste ich einen Blick auf mein Handy werfen. Ein paar neue Likes auf Twitter, zwei Retweets und etliche Kommentare. Sollte ich jetzt darauf antworten? 

Nein. Ich habe es nicht getan. Denn die Wut darüber, dass ich schon innerhalb der ersten Stunde einen Rückfall erlitten hatte, war größer, als die Lust, zu replyen. Ich schaltete mein Smartphone ein zweiten Mal aus und legte es ins Regal zurück. 

Ostern offline

Ab diesem Moment war mir klar, dass ich es schaffen würde, Ostern offline zu sein. Und ich habe es geschafft. Ich habe weder am Ostersamstag noch am Ostersonntag und auch nicht am Ostermontag E-Mails gecheckt oder endlose Timelines durchgescrollt. Ich habe weder News gelesen noch Nachrichtensendungen im Fernsehen gesehen. Kurzum: Ich war off und das war gut so.

Denn ich hatte auf einmal Zeit. Zeit, um spazieren zu gehen. Zeit für die Familie. Sehr viel Zeit zum Lesen. Und auch Zeit, um Freunde zu treffen. Zeit zum Nachdenken. Keine ständige Informationsflut. Kein ständiges Blinken und Vibrieren. Es herrschte absolute Ruhe. 

Diese Ruhe war nicht gespenstisch – im Gegenteil. Sie tat gut. So gut, dass ich schon am frühen Ostermontag den Entschluss fasste, meine digitale Abstinenz auf die gesamte Woche auszudehnen. Schließlich hatte ich Urlaub und in Bayern und vielen anderen Bundesländern waren Osterferien.

Viel Zeit für Familie und Freunde 

Acht Tage lang ohne Smartphone, PC und Laptop – dafür aber mit viel Zeit zum Beobachten. Und was ich alles beobachtet habe! Als ob meine Sinne extra dafür geschärft worden wären, fielen mir – wie konnte es auch anders sein – hauptsächlich Menschen mit einem Smartphone in der Hand auf.

Ich war schockiert. Denn egal wohin ich blickte, hantierte stets jemand mit einem digitalen Endgerät herum. Am Münchner Hauptbahnhof daddelten Kinder im Vorschulalter auf Smartphones und Tablets herum, anstatt sich für die Züge und Lokomotiven zu begeistern. Neben ihnen standen ihre Eltern – natürlich auch mit einem Handy in der Hand. Dabei sollten sie eigentlich für ihre Kinder ein Vorbild sein. 

Doch viele Erwachsene sind kein Vorbild mehr für ihre Kinder. Stattdessen benehmen sie sich wie Kinder. Da war z.B. das Pärchen, das am Mittwochabend in einem Restaurant neben mir am Tisch saß. Erwachsene Menschen, die ihr Essen zunächst fotografierten und es anschließend irgendwo online teilten. Doch damit nicht genug. Auch während des Essens waren beide weiterhin mit ihren Smartphones beschäftigt. Miteinander gesprochen haben sie wenig. Miteinander gegessen auch kaum, denn vor lauter digitaler Beschäftigung haben sie ihr Wiener Schnitzel und ihre schwäbische Bratpfanne vergessen, kalt werden und zurückgehen lassen.

Doch nicht nur im Restaurant benehmen sich viele Menschen sonderbar. Wohin man auch in der Stadt blickt, jeder scheint sich auch nur die geringste Zeit mit dem Smartphone zu vertreiben: beim Warten auf den Bus, an der Ampel im Auto, in der U-Bahn und sogar beim Gehen – auch auf die Gefahr hin, überfahren zu werden.

„Was passiert hier?“, denke ich mir, als die Mutter in der Reihe vor mir während der Kindervorstellung im Theater einfach Messages tippt und sich auch über das Verbot, nicht zu fotografieren oder zu filmen, hinwegsetzt. Warum ist es uns so viel wichtiger, in der Pause Facebook zu checken, anstatt mit unsern Kindern über das Stück und ihre Eindrücke und Emotionen zu reden?

Das Smartphone gehört dazu 

Nein, ich verteufle die digitalen Medien nicht. Sie sind nützlich und ich möchte mein Handy nicht missen, wenn ich mit einer Panne auf einer Autobahn im Nirgendwo stehe. Doch anscheinend haben viele von uns tatsächlich FOMO – die Angst, etwas zu verpassen. Diese Angst resultiert aus der unüberschaubaren Zahl an Möglichkeiten, über die wir heute dank digitaler Medien und Internet verfügen. Die Qual der Wahl sozusagen.

Wir können jeden Moment nutzen, um uns allen möglichen Informationen und Reizen auszusetzen. Doch irgendwann schnappt die Falle zu. Und dann sind wir den Informationen und Reizen ausgeliefert. Dann beherrschen nicht mehr wir sie, sondern sie uns – und wir haben das Gefühl, dass uns irgendetwas fehlt: die ständige Erreichbarkeit, die Anerkennung, das Gefühl, wichtig zu sein oder etwas zu verpassen. 

Stattdessen geht uns aber etwas viel Wichtigeres ab: Achtsamkeit. Die Fähigkeit, den Moment als Moment wahrnehmen zu können. Stattdessen sind wir nur flüchtig und mit unserem Körper anwesend. Oder wie es Roger Willemsen einmal ausgedrückt hat: „Wir beschleunigen das Leben, weil wir es nicht verpassen wollen. Indem wir es beschleunigen, verpassen wir es.“ 

Bei mir hat es Klick gemacht!

In dem Moment, als ich am Ostersamstag 2016 auf die Kommentare bei Twitter antworten wollte, hat es bei mir Klick gemacht. Und ich hatte von einer Sekunde auf die andere verstanden, wie man sich die Macht über die digitalen Geräte und Medien wieder zurückerobert. Indem man nicht die Geräte entscheiden lässt, wann sie blinken, bimmeln oder brummen. Indem man nicht den E-Mails die Entscheidung überlässt, wann sie sich melden. Sondern indem man selbst wieder die Kontrolle übernimmt.

Um ehrlich zu sein: Ich habe es nicht geschafft, eine Woche lang mein Smartphone ausgeschaltet zu lassen. Aber ich habe wenigstens eine gute Ausrede. Ich musste es benutzen. Ich hatte leider keine andere Wahl. Warum? Weil ich mit meinem Wagen mit einer Panne auf der Autobahn im Nirgendwo stand…