Ich habe nichts gegen gute Impulse und bin immer offen für neue Gedanken. Aber was Pädagogen bzw. Lehr- und Lernforscher mittlerweile an Universitäten forschen, ist meines Erachtens oftmals nur noch realitätsfern.

Da werden Unterrichtsstunden für Studien vorbereitet und durchgeführt, die in Wirklichkeit so niemals stattfinden könnten. Kein Lehrer der Welt hätte nämlich in seinem Schulalltag derart viel Zeit, um solch eine einzige Unterrichtsstunde akribisch zu durchdenken und zu planen.

Universitätsprofessoren verfügen da über ganz andere Möglichkeiten. Sie können ihr Forschungsprojekt über Wochen und Monate vorbereiten. Zudem können sie dabei auch noch auf zahlreiche Studenten zurückgreifen, die sie bei der Präparation tatkräftig unterstützen.

Auch für die Nachbereitung der Unterrichtsstunde haben Forscher enorm viel Zeit. Ohne Druck, demnächst wieder vor der Klasse zu stehen, können sie ihre Evaluationsbögen auswerten, seelenruhig alle Ergebnisse aus der Unterrichtsstunde zusammentragen und zu Erkenntnissen kommen. Uns Lehrern bleibt oftmals nur die Selbstreflexion. Denn würden wir unsere Schüler nach jeder Unterrichtsstunde um eine Evaluation bitten, würde ihnen das wahrscheinlich recht bald zum Halse heraushängen.

Ein unrealistisches Schülerbild 

Doch am meisten stört mich an den ganzen Ideen und Konzepten, die im akademischen Betrieb entworfen werden, dass sie von einem Schülerprototyp ausgehen, den es in der Realität schlicht und ergreifend nicht gibt – und schon gar nicht zuhauf in einer Klasse: dem ständig motivierten und wissbegierigen Schüler.

Deshalb greifen diese pädagogischen Konzepte auch so oft ins Leere. Sie funktionieren nur dann, wenn die Schüler auch mitspielen – sprich motiviert sind. Und das sind sie in der Realität eben nicht immer. Weder intrinsisch noch extrinsisch. Ich kenne keinen Schüler, der Zeit seines Schülerdaseins stets in freudiger Erwartung in seiner Schulbank sitzt und das vermittelte Wissen wie ein Schwamm in sich aufsaugt. Solange Schulpflicht herrscht, bleibt die Schule für die meisten Kinder und Jugendlichen nun mal eine Zwangsveranstaltung, zu der sie erscheinen müssen. Und ich habe bisher noch keinen Schüler gesehen, der bei Ferienbeginn am Boden zerstört war…

Nicht von dieser Schulwelt 

Darüber hinaus ignorieren viele pädagogische Ideen und Konzepte auch die gängigsten Rahmenbedingungen der Schulen. So arbeiten die meisten Forscher mittlerweile mit einem technischen Equipment (Hardware und Software), das an den meisten Schulen kaum zur Verfügung steht. Und wer kann schlussendlich überprüfen, dass die Unterrichtsstunden, die zu Studienzwecken gehalten werden, auch tatsächlich wie an Schulen ablaufen? Was wenn sich die meisten Forscher ihre eigenen Rahmenbedingungen setzen? Erfahren wir´s? Wohl kaum.

 Skeptisch werde ich vor allem dann, wenn ich der Vorstellung der Ergebnisse beiwohne, z.B. bei einem Vortrag oder in Fortbildungen. Denn meist werden diese bahnbrechenden Forschungsergebnisse uns Lehrern auch noch auf eine Art und Weise vorgestellt, die ihresgleichen sucht: in einer viel zu langen Powerpoint-Präsentation, die nahezu nur aus Text besteht, welcher obendrein auch noch frech abgelesen wird. Betreutes Lesen eben. Gerade an der Vermittlung von Informationen erkennt man meist sehr gut, ob ein Akademiker das Zeug zum Lehrer hätte…