08153 95 30 444 info@roland-diedenhofen.de

Wie leitet man eine Schule im 21. Jahrhundert?

Schulleitung 4.0

Warum wollen immer weniger Lehrkräfte Schulleiter werden? In vielen Bundesländern bleiben derzeit zahlreiche Stellen unbesetzt. Und für die Zukunft sieht es nicht besser aus. Doch was schreckt die Lehrerinnen und Lehrer konkret ab? Warum sträuben sich viele von ihnen, diese Führungsaufgabe zu übernehmen? Glauben sie, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein? Ist das Gehalt nicht angemessen? Oder ist das Konzept, wie man heutzutage eine Schule leitet, vielleicht nicht mehr zeitgemäß?

Fakt ist: Deutschlandweit steigt in nahezu allen Schulformen aktuell der Bedarf an Schulleitungen enorm an. Viele Schulleiterinnen und Schulleiter gehen in den nächsten Jahren in Pension. Doch ihre potentiellen Nachfolger zögern.

Warum will niemand mehr Schulleiter werden?

Das mag einerseits an der gewaltigen Aufgabe liegen, die man mit der Leitung einer Schule übernimmt. Der Umfang an Bürokratie, der einem als Schulleitung tagein tagaus auf den Schreibtisch flattert, schreckt viele Lehrerinnen und Lehrer von der verantwortungsvollen Aufgabe ab. Zumal das Unterrichten, das viele Lehrkräfte mögen, mit der Zeit auf der Strecke bleibt. Als Entschädigung gibt es dafür zwar mehr Geld, doch die Gehaltserhöhung ist im Vergleich mit dem Zuwachs an Verantwortung gering. An Grundschulen eindeutig zu gering.
Schulleiter, Stellvertreter, Mitarbeiter

Dabei ist man als Schulleiter mit der Verantwortung meist nicht allein. In der Regel teilt man sich die Leitung einer Schule mindestens mit einer zweiten Lehrkraft – dem Stellvertreter. Ist die Schule größer, wird die Schulleitung erfahrungsgemäß von weiteren Lehrerinnen oder Lehrern, den sogenannten Mitarbeitern, unterstützt.

An an den meisten Schulen, an denen ich bisher unterrichtet habe, war dies der Fall. An meiner Stammschule im Referendariat wurde die Schule, die über 1200 Schülerinnen und Schüler besucht haben, sogar von einer vierköpfigen Schulleitung geführt, an meiner Einsatzschule waren es immerhin drei Lehrkräfte.

Dieses Konzept, eine Schule im Team zu leiten, ist nicht neu. Bereits zu Beginn meiner eigenen Gymnasialschülerzeit 1990 war das Prinzip Schulleiter – Stellvertreter – Mitarbeiter Standard. Und auch heute ist es noch überall Usus. Eine Schule – und sei sie auch noch so klein – kann und sollte man nur im Team leiten. Sich bei der Führung einer Schule abzustimmen und sie gemeinsam zu entwickeln, macht nicht nur Sinn, sondern auch Spaß. Zudem verhindert es, dass aus manchen Direktoren kleine Diktatoren werden.

Willkommen im 21. Jahrhundert!

Was sich meines Erachtens allerdings ändern muss, ist die Rollenverteilung innerhalb eines Schulleitungsteams. In Zeiten von flachen Hierarchien, agiler Führung, NewWork und Arbeit 4.0 bin ich der Meinung, dass die klassische hierarische Einteilung einer Schulleitung in Schulleiter, Stellvertreter und Mitarbeiter nicht mehr zeitgemäß ist.

Aus diesem Grund habe ich mir Gedanken gemacht, wie eine zeitgemäße Leitung einer Schule im 21. Jahrhundert aussehen könnte. Das Modell, das ich dabei so grob entworfen habe, lehnt sich eng an das Ressortprinzip einer Regierung an und stützt sich auf insgesamt fünf „Minister“, die an jeder Schule ernannt werden sollten.

Für die zeitgemäße Leitung einer Schule ist meiner Meinung nach nämlich eine klare Geschäftsverteilung unter den Schulleitungsmitgliedern unerlässlich. Im Folgenden stelle ich die fünf Minister bzw. Ressortleiter näher vor:

1. Der Schulentwickler

Der Aufgabenbereich des Schulentwicklers gliedert sich in zwei Teile. Zum einen ist er derjenige, der das große Ganze – die Vision der Schule – im Auge behalten soll. Der Schulentwickler achtet darauf, dass die Schule langfristig auch genau dorthin steuert, wo sie auch hinwill. Zum anderen beschäftigt er sich die meiste Zeit (ca. 70%) über mit dem „Personal“ der Schule – mit den Lehrkräften und Schülern. Der Schulentwickler ist nämlich zugleich auch der Menschenentwickler der Schule. Er führt Schüler- und Mitarbeitergespräche und fördert und fordert sie in Abstimmung mit den anderen Mitgliedern seines Teams.

2. Der Schulmanager

In das Ressort des Schulmanagers fällt quasi alles, was mit der Organisation und Verwaltung einer Schule zu tun hat. In seinem „Amt“ laufen sämtliche bürokratischen Fäden zusammen. Dabei managt er nicht nur den Vertretungs- und den Stundenplan, sondern auch das Gebäude. Darüber hinaus hat er den Überblick über das Budget und die Finanzen der Schule und informiert die Lehrkräfte und die Schüler über alles Wissenswerte, was an der Schule läuft. Zudem ist er für die Website der Schule verantwortlich und leitet Informationen auch nach außen – an die Eltern, an die Presse, an die Öffentlichkeit. Selbstverständlich kann er das alles nicht alleine bewältigen. Deshalb verfügt er über ein Team, das ihn in allen Bereichen tatkräftig unterstützt. Nur so gelingt es ihm, stets den Überblick über die Organisation und Verwaltung der Schule zu behalten.

3. Der pädagogische und didaktische Leiter

Wie der Name es schon verrät, kümmert sich der pädagogische und didaktische Leiter vorrangig um alle Themen und Fragen, die mit dem Kerngeschäft der Schule, dem Unterricht zusammenhängen. Dabei ist er einerseits für die Qualität des Unterrichts verantwortlich, sorgt andererseits aber auch dafür, dass die Kolleginnen und Kollegen an der Schule eng miteinander kooperieren und sich auch fächer- und klassenübergreifend miteinander vernetzen. Der pädagogische und didaktische Leiter entwickelt, prüft und evaluiert Unterrichtsmethoden und -konzepte und stimmt den Fortbildungsbedarf der Lehrkräfte darauf ab. In seinen Händen liegt demnach auch das Fortbildungsmanagement der Kolleginnen und Kollegen. Er organisiert Inhouse-Fortbildungen und bildet das Kollegium und den Unterricht in verschiedenen Bereichen des Unterrichts wie z.B. Projektmanagement oder digitaler Unterricht fort.

4. Der Schuldenker

Den Schuldenker könnte man gewissermaßen mit dem Hofnarren von einst vergleichen. Er hat die Lizenz zum „Spinnen“ und die Möglichkeit, Ideen aufzugreifen, gedeihen und reifen zu lassen. Wann immer es ein Problem an der Schule gibt, darf der Schuldenker Lösungen ausprobieren. Von seinem Erfolg profitieren alle. Scheitert er, ist ihm keiner böse – im Gegenteil. Denn aus seinen Fehlern lernen alle. Der Schuldenker ist die Inspirations- und Innovationsquelle der Schule. Wann immer er eine Idee hat, die er für umsetzbar hält, sucht er sich ein Team von freiwilligen Lehrkräften aus, die ihn dabei unterstützen, seine Pläne in die Tat umzusetzen.

5. Der Schulcoach

Der Schulcoach ist der stille und heimliche Begleiter des Schulalltags auf der Führungsebene. Ihm liegt vordergründig das Wohlergehen aller am Herzen. Wenn nötig, baut er dort wieder Brücken, wo nur noch Pfeiler übrig sind. Der Schulcoach ist eine Art Vermittler und Moderator in einem, der die Konflikte innerhalb des Kollegiums bzw. der Schülerschaft, zwischen Schülern und Lehrkräften oder zwischen Lehrkräften und Eltern managt. Darüber hinaus motiviert er die Schüler wie die Lehrer der Schule und sorgt für ihr Wohlbefinden.

Begegnung auf Augenhöhe

Alles in allem sind dies die fünf Ressorts bzw. Ämter, die ich für die Leitung einer Schule im 21. Jahrhundert als unverzichtbar halte. Da jedes Ressort die Existenz der jeweils anderen Aufgabenbereiche bedingt, kann kein Ressortleiter auf Dauer für sich allein bestehen und die Schule autonom leiten. Wie schon beim bekannten Muster „Schulleiter, Stellvertreter , Mitarbeiter“ steht auch bei diesem Modell der Teamgedanke im Vordergrund – allerdings mit einem gewaltigen Unterschied: Die fünf Ressortleiter begegnen sich auf Augenhöhe. Eine Hierarchie gibt es nicht.

Eine Schule im 21. Jahrhundert – im Zeitalter der Digitalisierung und des ständigen Wandels – zu leiten, bedeutet, sich von den Hierarchien der Industrialisierung endgültig zu verabschieden. Wer eine Schule im Team führen will, muss sich auf gleicher Ebene begegnen, um miteinander kooperieren und konstruktiv zusammenarbeiten zu können. Ich bin der Ansicht, dass eine solche Art von Schulleitung viele Anhänger finden könnte – vorausgesetzt die Politik weiß auch um den echten Wert dieser verantwortungsvollen Aufgabe für unsere Gesellschaft.