Erinnern Sie sich noch an Ihren Stundenplan im letztem Schuljahr? Oder an den vom Jahr davor? Ihren aktuellen Stundenplan werden Sie sicherlich schon in- und auswendig kennen. Wahrscheinlich ist er Ihnen mittlerweile derart gut vertraut, dass Sie gar nicht mehr nachschauen müssen, wann und wo Sie unterrichten müssen. Sie haben sich an ihn gewöhnt.

Das trifft sicherlich auf vieles in Ihrem Schulalltag zu. Selbst wenn Sie zu Beginn des Schuljahres neu an die Schule gekommen sind, haben Sie sich mittlerweile an Ihre Klassen, an das Kollegium, an Ihre Schulleitung und an die Arbeitsbedingungen gewöhnt. Es ist normal geworden, dort zu unterrichten, wo Sie unterrichten.

Was ist normal?

Dies gilt erst recht, wenn Sie schon viele Jahre an der gleichen Schule tätig sind. Zwar war anfangs vieles für Sie erst einmal ungewohnt, doch mit der Zeit sind Ihnen die Pfade und Wege vertraut geworden. Waren Sie anfangs bei den Schülern noch die oder der Neue, nennt Sie heute keiner mehr so. Sie kennen sich an Ihrer Schule aus, wissen Sie über die meisten Dinge Bescheid und nennen Sie Ihre SchülerInnen und KollegenInnen beim Namen. Das verleiht Sicherheit und Souveränität.

Jeder Schultag geht seinen normalen Gang. Aber was ist schon normal? Was Sie an Ihrer Schule für normal halten, ist an anderen Schulen nicht normal. Beginnt der Unterricht bei Ihnen um 8.00 Uhr, halten Sie einen Unterrichtsbeginn um 9.00 Uhr wahrscheinlich für ungewohnt. Und doch ist er für alle an jener Schule, an der der Unterricht später beginnt, normal – weil eben die Norm. Und was die Norm letztendlich ausmacht, ist eine reine Definitionssache.

Normal ist, was jeder von uns für üblich hält.

Normal passiert oft

Ein weiteres Beispiel: Kollegin X muss Kollegen Y vertreten. Als sie in die Klasse kommt, freuen sich die Schülerinnen und Schüler, da Kollege Y krank ist. Haben Sie die Norm erkannt?

Viele SchülerInnen halten es für normal, dass Lehrkräfte, die fehlen, krank sind. Andere Gründe für ihr Fehlen gibt es für sie in ihrer Vorstellung nicht. Übrigens manchmal nicht einmal in der Sichtweise der Vertretungen. Auch diese behaupten dann, die abwesende Lehrkraft sei krank, selbst wenn das nicht zutrifft. Lehrkräfte bilden sich fort, nehmen an Studienreisen teil, sind mit Klassen unterwegs oder beantragen einen freien Tag, weil sie Trauzeugin oder Trauzeuge bei einer Hochzeit sind.

Normal ist, was wir in unserem Denken eben für normal halten.

Diese Denkmuster haben wir gelernt. Wir hatten Vorbilder, an denen wir sie gesehen und dann übernommen haben. Das Gleiche spielt sich ab, wenn wir an eine neue Schule kommen. Wir orientieren uns an denen, die wissen, wie der Hase läuft. Mit anderen Worten: Wir passen uns an. Das, was die Gemeinschaft als normal vorlebt, ist die soziale Norm. Abweichungen sind nicht gern gesehen. Sie können zwar darauf hinweisen, dass z.B. Aufsichten an Ihrer alten Schule anders organisiert waren. Eine Norm zu kritisieren, ist meist nicht gerne gesehen.

Überall gibt es Normen  

Wer mit einer Norm bricht, irritiert erst mal. Kleiden sich Ihre Kolleginnen und Kollegen überwiegend leger, können Sie gerne mal den Versuch wagen, in einem schicken Hosenanzug oder im Anzug mit Krawatte im Lehrerzimmer zu erscheinen. Wetten, dass Ihr Outfit Aufsehen erregen wird? Bestimmt wird der eine oder andere Sie fragen: „Warum bist denn du heute so schick? Hast du Lehrprobe?“ Dahinter verbirgt sich meist eine ganze andere Frage: „Weshalb verstößt du gegen die Norm?“

Auch von Ihren SchülerInnen werden Sie sich solche Fragen gefallen lassen müssen. Aber dazu müssen Sie sich nicht einmal schick anziehen. Glauben Sie mir: Ein neue Haarschnitt oder ein anderes Styling reicht manchmal schon aus, um Irritationen im Klassenzimmer auszulösen.

Denn sobald Sie den üblichen Pfad verlassen, stellen Sie die Norm infrage. Bei der Frisur wird aus dem neuen Schnitt in der Regel schnell ein gewohnter Pfad, bei der Kleidung wird dies dauern. Eventuell wildert dieser neu angelegte Weg auch wieder zu, wenn es zu anstrengend für Sie wird.

Warum halten wir das für normal?

Dennoch bietet das Hinterfragen von dem, was für Sie normal ist, eine große Chance. Wer sich nämlich die Frage stellt, warum er etwas für normal hält, erkennt seine Muster und Konventionen. Warum halten viele Lehrerinnen und Lehrer eine Einstiegs- und Motivationsphase in ihrem Unterricht für normal? Hat man es ihnen so im Referendariat beigebracht? Oder haben sie es aus einem pädagogischen Lehrbuch übernommen?

Hinterfragt man seine Normen, gewinnt man Klarheit und Orientierung. Und man entdeckt Möglichkeiten, die einem bisher verborgen waren. Warum nicht einmal plot points (=überraschende Momente, die den Unterrichtsverlauf in eine neue Richtung lenken) einsetzen? Oder eine Unterrichtsstunde vom Ende her zum Anfang laufen lassen? Wenn Sie infrage stellen, was Sie bisher für normal gehalten haben, erweitern Sie Ihren Horizont und vergrößern Ihren Spielraum. Was heute noch das Normalste auf der Welt für Sie ist, könnte morgen schon Ihr Stundenplan aus dem letzten Schuljahr sein.

Entdecken Sie also Ihre Möglichkeiten!

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