Lehren ist eine Kunst – und wer diese Kunst beherrscht, ist eine Künstlerin bzw. ein Künstler. 

Gute Lehrerinnen und Lehrer sind für mich in der Tat wahre Künstler. Denn die meisten denken und arbeiten wie einer von ihnen – viele machen dies sogar, ohne dass sie das überhaupt wissen. Diese 15 Gedanken sollen zeigen, was gute Lehrkräfte mit Künstlerinnen und Künstlern gemein haben. 

#1 Sie betrachten ihren Unterricht stets als  Kunstwerk

Was gute Lehrerinnen und Lehrer tagtäglich in 45 oder 90 Minuten Unterricht tun, ist zweifelsohne eine Kunst: Erkenntnisse, für die die Menschheit Jahrhunderte oder gar noch länger gebraucht hat, auf das Wesentliche zu reduzieren und sie Kindern und Jugendlichen, die an diesem Wissen eigentlich nicht interessiert sind, didaktisch so zu vermitteln, dass auch noch etwas davon hängenbleibt, ist nun mal eine Leistung, zu der besonderes Können gehört.

#2 Sie treten gelegentlich einen Schritt zurück und überprüfen ihren Stil 

„Man muss immer mal ein paar Schritte zurücktreten, auch gedanklich, um Abstand zu seiner Kunst zu bekommen“, sagt Alexander Luzius Ziermann, der eigentlich Kunst mit gebrauchten Autoaußenspiegeln macht und zuletzt einen Jaguar angemalt hat. Die meisten Künstler treten von Zeit zu Zeit von ihrem schöpferischen Werk zurück, um es von einem neuen Standpunkt aus zu begutachten. Das machen auch gute Lehrkräfte regelmäßig. Sie treten ein paar Schritte zurück und betrachten ihren Unterricht aus der Distanz. Oft erkennen sie dann Dinge, die ihnen während des Schaffens nicht so ohne Weiteres aufgefallen wären – im positiven wie im negativen Sinne. Zudem bieten ihnen diese Blicke aus der Entfernung auch die einmalige Möglichkeit zu überprüfen, ob ihr Stil, wie sie unterrichten, noch stimmig ist oder ob sie mit ihrer bewährten Art zu lehren langsam an eine Grenze stoßen.

#3 Sie lassen andere über ihr Kunstwerk befinden

Noch nie ist ein Meister vom Himmel gefallen. Und auch wenn so mancher renommierte Künstler sich anfangs gegen die Ratschläge von anderen Künstlern sträubte, war er später oft mehr als dankbar für die Empfehlungen. So erging es z.B. auch dem großen Claude Monet (1840-1926), der als Jugendlicher hauptsächlich Karikaturen zeichnete. Als diese im Schaufenster des einzigen Rahmenhändlers von Le Havre zusammen mit den Seelandschaften von Eugène Boudin (1824-1898) ausgestellt wurden, gab der damals in der ganzen Normandie bekannte Boudin Monet den Rat, sich nicht nur mit dem Zeichnen zu begnügen, sondern auch Landschaften zu malen. Obwohl Monet Boudin zunächst nicht begegnen wollte, sollte sich der Rat für Monet als Geschenk erweisen.

Auch gute Lehrerinnen und Lehrer holen sich hin und wieder einen Rat ein. Hierzu bieten kollegiale Unterrichtshospitationen eine gute Gelegenheit. Wer sie im Unterricht besucht und beobachtet, kann ihnen nämlich ihre Stärken und Schwächen aufzeigen. Und das erlaubt ihnen, sich weiterzuentwickeln.

Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn Monet nicht auf den Rat von Boudin gehört hätte und sein Leben lang nur Karikaturen in Le Havre gezeichnet hätte…

#4 Sie erkennen, was nicht ins Bild passt 

Das Gemälde „Das Gewitter“ des venezianischen Malers Giorgione (1478-1510) gibt Rätsel auf. Obwohl es um ca. 1508 entstanden ist, passen die üblichen Deutungsschlüssel der italienischen Renaissance scheinbar nicht. Warum stillt eine Mutter fast nackt an einem Bach ihr Kind während eines Gewitters? Und blickt uns dabei auch noch seelenruhig an? Das ergibt doch keinen Sinn.

Wahrscheinlich denken gute Lehrerinnen und Lehrer manchmal auch, dass das, was sie in ihrem Unterricht gerade machen, nicht wirklich einen Sinn ergibt. Ist das der Fall, halten sie inne und versuchen zu erkennen, was sie tun müssen, damit sie wieder das Gefühl haben, dass ihr Handeln im Unterricht wieder Sinn ergibt.

Vielleicht war Giorgione mit seinem Gemälde ebenfalls unzufrieden, schließlich hat er verändert und übermalt.

#5 Sie sind in ihrer Rolle glaubwürdig

Für Theaterschauspieler gilt dieser Gedanke immer. Denn anders als beim Film, wo man die Szenen mehrfach drehen kann, muss am Tag der Aufführung alles stimmen. Der Schauspieler muss seine Rolle glaubwürdig spielen, er muss quasi in ihr aufgehen. Tut er das nicht, nimmt ihm das Publikum seine Rolle nicht ab und es hagelt Kritik.

Gute Lehrkräfte stellen sich öfters die Frage, ob sie in ihrer Rolle glaubwürdig sind. Eine Lehrerin, die über 50 ist und sich wie eine Teenagerin kleidet, wird wahrscheinlich in ihrer Rolle als Erwachsene wohl ebenso nicht ernst genommen werden, wie ein Lehrer, der seinen Stoff nicht beherrscht. Gute Lehrkräfte wissen das und machen sich immer wieder ihre Rollen bewusst und reflektieren von Zeit zu Zeit, ob ihr Publikum ihnen diese Rollen auch abnimmt.

#6 Sie machen Fehler und lernen aus ihnen 

Wenn ein Schauspieler eine Szene nicht so spielt, wie der Regisseur es für richtig hält, wird er Kritik einstecken müssen. Selten wirft ein Schauspieler jedoch dann sogleich das Handtuch bzw. feuert der Regisseur hernach seinen Darsteller. Im Gegenteil: Der Regisseur vertraut darauf, dass der Schauspieler aus diesem Fehler lernt, was dieser meist auch tut.

Auch gute Lehrkräfte sind nicht vollkommen und machen Fehler. Doch genau wie der Schauspieler ziehen sie aus ihren Fehlern primär die richtigen Schlüsse und lernen daraus. Wenn sie einen Schüler verbal verletzen, gehen sie nicht einfach zur Tagesordnung über, sondern entschuldigen sich für diesen Fauxpas. Jeder Mensch kann irren, doch im Irrtum verharren kann nur ein Narr.

#7 Sie hören auf ihr Publikum und nehmen wahr, ob es klatscht oder buht

Der von Claus Peymann inszenierte „Heldenplatz“ (von Thomas Bernhard) erregte 1988 bei seiner Uraufführung am Wiener Burgtheater den größten Theaterskandal in der österreichischen Nachkriegszeit. Das Publikum begleitete die Vorstellung sowohl mit lautstarken Beifalls- als auch Missfallensäußerungen. Dies setzte sich während den ersten Aufführungen fort. Das Stück polarisierte die österreichische Öffentlichkeit nämlich wegen der Kontroversen um die Vergangenheit Österreichs in der Zeit des Nationalsozialismus. Ob ein Kunstwerk, wie in diesem Fall ein Drama, Erfolg hat oder nicht, verraten oft die Reaktionen.

Ähnliches gilt für den Unterricht von guten Lehrkräften. Wenn sich die Schüler auf ihren Unterricht freuen, nehmen gute Lehrerinnen und Lehrer das als Kompliment auf und sind stolz auf ihre Leistung. Verdreht die Klasse aber schon die Augen, wenn sie nur das Klassenzimmer betreten, nehmen gute Lehrkräfte diese Ablehnung ernst. Und stets wissen sie ganz genu: Auch mit dem besten Unterricht werden sie niemals alle im Publikum zufriedenstellen können.

#8 Sie haben kein Problem damit, ein neues Kunstwerk anzufangen 

In Museen hängen nun einmal nur die Gemälde, die den Künstlern gelungen sind. Die Skizzen, Zeichnungen und Werke, mit denen die Maler unzufrieden waren, finden sich dort selten. Meist existieren sie gar nicht mehr, weil sie zerstört oder von den Künstlern übermalt worden sind.

Auch gute Lehrerinnen und Lehrer sind manchmal mit der Art ihres Unterrichts unzufrieden. Wenn sie  etliche Male hintereinander aus einer Klasse herausgehen und das Gefühl haben, dass sie die Schüler mit ihrem Unterricht nicht erreicht haben, fangen sie schon mal ein neues Schaffenswerk an. Denn das stellt für sie weder eine Schande noch ein Scheitern, sondern vielmehr eine logische Konsequenz dar. Zudem wissen sie, dass es wenig Sinn hat, so weiter zu machen wie bisher und bis zum nächsten Schuljahr zu warten. Lieber fangen sie daher noch einmal von vorne an und hoffen, dass das neue Werk Vollendung finden wird.

#9 Sie vergessen ihre alten Kunstwerke

Der Dichter Christian Morgenstern meinte einmal: „Wir brauchen nicht fortzuleben, wie wir gestern gelebt haben. Machen wir uns von dieser Anschauung los, und tausend Möglichkeiten laden uns zu neuem Leben ein.“

Sicherlich kann man auch als gute Lehrkraft auf das zurückgreifen, was sich im Unterricht schon bewährt hat. Doch das ist keine Garantie, dass man ausgerechnet mit der Art zu unterrichten, mit der man in der Vergangenheit Erfolg hatte, auch in einer neuen Klasse erfolgreich sein wird. Gerade wenn gute Lehrerinnen und Lehrer schon mit ihrem Unterricht zuletzt angeeckt sind, handeln sie erst recht im Sinne des Morgenstern‘schen Zitats.

#10 Sie suchen Orte auf, an denen sie sich zurückziehen können 

Jeder Künstler schafft sich mit der Zeit einen Ort, an den er sich zurückziehen kann. Während Vincent van Gogh in Auvers seine Bilder vor dem Ziegenstall trocknen ließ, schuf sich Claude Monet im Städtchen Giverny in der Normandie ein kreatives Paradies mit seinem Anwesen, das über einen Blumengarten und eine japanische Brücke verfügte.

Gerade wenn man tagtäglich viel mit Menschen zu tun hat, sollte man hin und wieder auch mal an sich denken. Gute Lehrerinnen und Lehrer wissen das. Sie ziehen sich nicht nur an freien Tagen, Wochenenden und während den Ferien zurück, sondern nutzen auch viele Gelegenheiten während des Schulalltags dazu. Ihr Rückzugsort ist dabei nicht unbedingt ein wahrhaftiger Ort. Manche verfügen allerdings über einen solchen, wie z.B. einen schönen Garten, und schätzen sich darüber glücklich. Die anderen machen einen Spaziergang durch den Wald oder eine Joggingrunde um den See. Auch das kann einen Rückzug darstellen.

Denn schließlich tanken auch die Künstlerinnen und Künstler an ihren Rückzugsorten Kraft und Energie, hängen ihren Gedanken nach oder lassen ihre Seele baumeln. Nichts anderes machen gute Lehrerinnen und Lehrer – und zwar regelmäßig.

#11 Sie gönnen sich Momente der Ruhe und der Inspiration

Ebenso räumen sich gute Lehrkräfte Momente der Ruhe und der Inspiration ein. Noch heute ziehen sich die viele KünstlerInnen und SchauspielerInnen nach aufregenden Phasen des Schaffens für eine Zeit zurück. Meist gönnen sie sich erst etwas Ruhe, bevor sie sich wieder von neuen Ideen und Gedanken inspirieren lassen.

Auch gute Lehrerinnen und Lehrer integrieren derartige Momente in ihr Leben. Sie nehmen sich z.B. vor, jeden Tag eine halbe Stunde für sich allein zu sein. So setzen sie sich z.B. auf das Sofa und machen nichts. Stattdessen gönnen sie sich Ruhe und schalten ihre Gedanken ab. Steht ihnen der Sinn nach Neuem, lassen sie sich inspirieren. Bücher sind hierzu ihre liebste Inspirationquelle.

#12 Sie entwickeln eine Vision von dem, was sie erreichen wollen 

2014 würdigte eine Ausstellung der Staatsgalerie Stuttgart das visionäre Schaffen des Stuttgarter Bauhauskünstlers Oskar Schlemmer (1888-1843), der zu seiner Lebzeit schon die Auffassung vertrat, dass der Mensch in Zukunft das „Maß aller Dinge“ sein wird und die Kunst die Kraft habe, die Erschaffung einer neuen Welt zu bewirken.

Ähnlich wie Oskar Schlemmer entwickeln auch gute Lehrerinnen und Lehrer eine Vision von dem, was sie an ihrer Schule bzw. in ihrem Unterricht erreichen wollen. Damit gehen sie mit gutem Beispiel voran, denn vor allem auf der bildungspolitischen Ebene fehlen uns heute in erster Linie Visionen. Viele Schulleitungen haben keine klare Vorstellung mehr, wohin sie das Schiff ihrer Schule steuern wollen. Die meisten Schulen liegen deshalb wie Schiffe im Hafen. Dort sind sie sicher, aber dafür werden Schiffe nicht gebaut. Gute Lehrkräfte gehen hingegen voran und entwickeln Visionen.

#13 Sie gestalten ihr Kunstwerk aktiv 

Das bekannteste Werk von Hyacinthe Rigaud (1659-1743) ist zweifelsfrei das Paradebildnis des Sonnenkönigs Louis XIV. (1638-1715) aus dem Jahre 1701. Und auch wenn diese Arbeit eine Auftragsarbeit war und der französische König genaue Vorstellungen von seinem Bild hatte, so hat Rigaud doch immer noch sein Gemälde selbst gestaltet.

Auch gute Lehrerinnen und Lehrer gestalten so viel wie möglich selbst und lassen sich nicht von anderen vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Sie betrachten ihren Unterricht als Kunstwerk und rebellieren dadurch automatisch gegen die Regulierungswut und den Reformeifer vonseiten der Schulämter und Ministerien. Denn was von oben auf gute Lehrkräfte hereinbricht, sind in vielen Fällen nur Verhaltensweisen, die ihre Kreativität und ihren freien Gestaltungswillen beeinträchtigen. Kein Künstler lässt sich vorschreiben, was und vor allem wie er zu malen hat. Und eine gute Lehrkraft erst recht nicht!

#14 Sie tun mehr von dem, was sie mögen

Die Werke des österreichischen Expressionisten Egon Schiele (1890-1918) erzielen nach wie vor auf internationalen Auktionen Höchstpreise. Dabei ähneln sich seine Gemälde alle in Inhalt und Stil. Denn neben zahlreichen Selbstbildnissen war Schiele vor allem für seine Akte, die fast ausschließlich Frauen und Kinder zeigen, bekannt. Wie Schiele malen die meisten Künstler, das am liebsten, was sie mögen.

Und auch gute Lehrerinnen und gute Lehrer machen mehr von dem, was sie gerne machen. Wenn sie Frontalunterricht lieben und sie ihre Schüler mit ihren Vorträgen so begeistern, dass sie ihnen an den Lippen hängen, machen sie Frontalunterricht. So schenken sie ihren Klassen einfach mehr von dem, worin sie talentiert sind. 

#15 Sie haben Freude an ihrem Beruf

Last but not least: Gute Lehrerinnen und Lehren haben an allem, was sie tun, Freude. Ich verwende den Begriff Freude lieber als Spaß, da Freude ausdauernder ist als Spaß. Die meisten SchauspielerInnen und MalerInnen lieben ihren Beruf. Sie würden ihn trotz der negativen Momente niemals ohne Weiteres aufgeben wollen. Auch wenn viele Künstler in oder mit ihrem Leben Probleme haben oder hatten, sobald sie künstlerisch tätig waren, waren sie glücklich und in ihrem Element.

Daran nehmen sich gute Lehrkräfte ein Beispiel. Sie haben Freude an ihrem Beruf. Und wenn sie ihn nicht mehr mögen, sehen sie sich nach einer Alternative um.

Getreu dem Motto: Love it, change it oder leave it.

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