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Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei

Ja, das Lehrerleben ist schon eine kommode Angelegenheit. Da unterrichtet man ein paar Stunden die Woche seine Fächer, zieht über Jahre immer die gleichen Stunden mitsamt Arbeitsblättern aus dem Hut und kann den Rest des Tages seine Freizeit genießen. Obendrein hat man noch mehrere Wochen Ferien im Jahr – Herz, was begehrst du mehr?

Dass heutzutage immer noch eine derartig einseitige Vorstellung über den Lehrerberuf existiert, hätte ich nicht gedacht. Doch es muss sie nach wie vor geben, sonst würden sich renommierte Zeitungen nicht befleißigt fühlen, das Bild geradezurücken.

Viele Lehrkräfte leisten Übermenschliches

Dabei würde schon ein Blick in die Bücherläden der Republik genügen, um zu erfahren, wie es wirklich ist. Lehrer-Bücher, in denen aus den Niederungen deutscher Klassenzimmer berichtet wird, schießen nämlich wie Pilze aus dem Boden. Und alle zeigen sie das gleiche Bild: Haufenweise engagierte Lehrerinnen und Lehrer, die stets für die Sorgen, Nöte und Probleme ihrer Schülerinnen und Schüler ein offenes Ohr haben. Die Leistungen vollbringen, die weit über ihre Kernkompetenz des Unterrichtens hinausgehen.

Selbst die Kolleginnen und Kollegen, die in diesen Büchern als jene umschrieben werden, die schon längst resigniert hätten, sind alles andere als klassische 8-bis-13-Uhr-Lehrer. Wenn Schulen und Lehrkräfte heutzutage etwas nicht haben, dann ist es Zeit.

Zeit ist Mangelware

Und damit meine ich in erster Linie nicht die Freizeit der Lehrer, um die sie anscheinend immer noch so viele beneiden und welche sich engagierte Lehrkräfte sicherlich redlich verdient haben. Nein, den Schulen und Lehrern in Deutschland fehlt vielmehr Zeit in allgemeinem Sinne und die damit häufig verbundene Möglichkeit, auf jede Schülerin und auf jeden Schüler ausreichend einzugehen.

Weil vieles im Unterricht aufgrund vollgestopfter Lehrpläne und ebensolcher Klassenzimmer nicht mehr zu bewerkstelligen ist, opfern viele Lehrerinnen und Lehrer freiwillig ihre Freizeit, um Projekte voranzubringen oder Schüler zu coachen – Investitionen, die sich erst viel später (manchmal sogar erst Jahre nach der Schule) durchaus als lohnend erweisen.

Im Hamsterrad

Nicht zu vergessen. Viele Lehrkräfte arbeiten nicht nur ständig in, sondern auch an der Schule. Sie entwickeln diese weiter, organisieren kulturelle Veranstaltungen oder Workshops und vertreten ihre Schulen nach außen. Zudem müssen sie natürlich auch ihren außerunterrichtlichen Verpflichtungen nachkommen. Elternabende abhalten, Klassenfahrten durchführen, Klausuren und Hefte korrigieren – während manchen Phasen des Schuljahres gerne auch mal bis spät in die Nacht.

Denn Schule ist schon lange keine reine Vormittagsveranstaltung mehr. Die Einführung der Ganztagsschule hat dafür gesorgt, dass auch am Nachmittag Unterricht mittlerweile zur Gewohnheit geworden ist. Betreuungszeiten bis 17 oder 18 Uhr sowie individuelle Hausaufgabenunterstützung sind an vielen Schulen längst Usus.

Gilt es dann noch zusätzlich Kollegen zu vertreten oder gar ganze Klassen zusätzlich zu übernehmen, ist es verständlich, dass vielen Lehrkräften irgendwann die Puste auszugehen droht und sie das Gefühl haben, in einem Hamsterrad zu laufen, das sich immer schneller dreht.

Dass dieses Rad auch ja nicht an Schwung verliert, dafür sorgen schon die Bildungspolitiker der Republik. Seit dem PISA-Schock 2001 prasseln nämlich die Ideen, Impulse und Reformen aus den Amtsstuben der deutschen Bildungsministerien und Schulbehörden nur so auf die Lehrer und Schüler herab. Diese sollen sie dann möglichst rasch und quasi zum Nulltarif umsetzen: Einführung des G8, Digitalisierung, Inklusion, Ganztagesbetrieb, Zentralabitur, etc. Doch damit nicht genug! Hat man das, was von oben gewünscht wird, dann irgendwann einmal umgesetzt, kann man mittlerweile davon sicher aus gehen, dass es erneut geändert wird.

Bildung braucht Zeit und die Schulen brauchen Ruhe

Aus meinen vielen Gesprächen mit Lehrerinnen und Lehrern weiß ich, dass die meisten von ihnen nur einen Wunsch haben: Ruhe. Die meisten Lehrkräfte wollen endlich mal in Ruhe arbeiten und wieder Zeit für sich und für ihre Schülerinnen und Schüler haben.

Denn auch den Schulleitungen und Lehrern selbst mangelt es nicht an Ideen, sondern an der Zeit sie umzusetzen. Eine fatale Entwicklung, wissen sie doch, was ihre Schützlinge am meisten brauchen. Vielleicht sollten sich die Bildungspolitiker in diesem Land mal dieses Ziel in ihre Programme schreiben: Die Schulen in Ruhe arbeiten zu lassen.

Statt aus den Amtsstuben heraus Schulpolitik zu betreiben, die hilflos wirkt, sollten sie an die Schulen fahren und zuschauen, was die Lehrerinnen und Lehrer Tag für Tag leisten.

Darüber sollte man Deutschland diskutieren.

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