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Unterschiedliche Leistung, gleiche Besoldung

Heinz Erhardts Paraderolle war die des Steuerinspektors Willi Winzig. Der Finanzbeamte, der selbst nur ein kleines Gehalt bekommt, hat ein großes Herz für die Steuerzahler, die ihre Steuerschuld nicht begleichen können. Deshalb lässt er von Zeit zu Zeit staatliche Steuerforderungen sowie Mahnbescheide einfach verschwinden, bis sein Vergehen eines Tages entdeckt wird.

Heinz Erhardt* hat Willi Winzig nicht nur in zwei Spielfilmen, sondern seit 1969 auch über 500 Mal auf der Bühne verkörpert. Die Figur stammt ursprünglich aus Wilhelm Lichtenbergs Lustspiel „Wem Gott ein Amt gibt“, das Heinz Erhardt für sein Theaterstück mit dem Titel „Das hat man nun davon“ bearbeitet hat. Natürlich kommt vor allem die Beamtenschaft in diesem Stück nicht gut weg. So sagt Willi Winzig zum Beispiel am Schluss des dritten Aktes zur Sekretärin, Fräulein Weguscheit: „Wissen Sie, bei einer Behörde ist es genauso wie beim Theater – ein paar arbeiten und alle anderen gucken zu.“

Das schlechte Image des öffentlichen Dienstes

Nun verfügt der öffentliche Dienst nicht erst seit Heinz Erhardt über ein schlechtes Image. Zumal Willi Winzig allein schon dieses Image widerlegt, da er sich vehement für vermeintliche Gerechtigkeit und die kleinen Leute einsetzt.

Klischees und Vorurteile bilden selten ein stimmiges Bild dessen ab, worauf sie sich beziehen. Sie greifen häufig nur eine oder mehrere Eigenschaften heraus und verallgemeinern sie. Natürlich hat nicht jeder Zug der Deutschen Bahn Verspätung, ist nicht jeder Manager heutzutage ein raffgieriger Mensch und nicht jeder Manta-Fahrer mit einer Frisöse liiert.

Auch unter den Beamten und Angestellten im öffentlichen Dienst gibt es großartige Leistungsträger, die hervorragend arbeiten. Doch diese Menschen werden nicht oder viel zu wenig gesehen. Und genau das ist schlecht für den Ruf des öffentlichen Dienstes. Es hat sogar noch weitaus schlimmere Folgen für diese Menschen selbst.

Karriere im Takt der Stechuhr

Menschen, die in Ämtern, Behörden und Schulen Großartiges leisten, fallen durchs Raster. Wären sie an anderer Stelle beschäftigt, würde man ihre Arbeit wahrscheinlich viel mehr wertschätzen und sie für ihre Leistung auch angemessen entlohnen. Doch nicht so im Amt.

Der öffentliche Dienst honoriert gute Leistungen nicht ausreichend genug. Nach wie vor bestimmen andere Kriterien, wer als Beamter oder Angestellter Karriere macht und wer nicht. Für die meisten öffentlichen Bediensteten ist die berufliche Karriere überschau- und berechenbar.

Denn mithilfe der Stufen und Besoldungsgruppen kann sich jeder ausrechnen, was er wann einmal verdienen wird. Sogar Rente und Pension kann man sich schon ausrechnen.

Kein Wunder also, dass sich etliche Beamte und Angestellte in den Amtsstuben der Republik schon jetzt auf die Pension oder Rente freuen. Viele sind schon derart in Vorfreude, dass sie leistungsfrei bis dahin überwintern wollen und allenfalls noch Dienst nach Vorschrift machen.
Einige sind vielleicht deswegen überhaupt erst Beamte und Angestellte im öffentlichen Dienst geworden. Andere hatten anfangs vielleicht doch hehre Ziele und große Ideale. Doch diese sind in diesem System nicht verlangt, schließlich kann man sich auch nur mit einem Mindestmaß an Engagement durchschlagen. Zudem kennt das System keinen Notausgang für unfähige und unmotivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Einen „Trottelparagrafen“ gibt es schlichtweg nicht, mit denen man diese Leute entfernen könnte.

Verheerende Folgen

Für den öffentlichen Dienst und sein Image sind diese Rahmenbedingungen auf jeden Fall verheerend. Denn viele Leistungsträger wandern ab. Sie kündigen ihre Beamtenstelle und verzichten auf Sicherheit und Pensionsansprüche. Stattdessen gehen sie in die Wirtschaft, nehmen dort bei besserer Bezahlung hochkarätige Aufgaben an und erfahren endlich das, was ihnen in Amt und Würden so lang verwehrt worden ist: Wertschätzung.

Dass eine echte leistungsgerechte Bezahlung im öffentlichen Dienst in Deutschland im Jahr 2018 nach wie vor fehlt, ist einfach unglaublich. Denn die Folgen für die im System verbleibenden Leistungsträger sind meist noch viel schlimmer. Viele von ihnen brennen aus, weil sich die „Beamtenmentalität“ irgendwann tatsächlich unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ausbreitet. Die Folge: Die guten, die engagierten und die leistungswilligen Beamten und Angestellten brennen aus, weil ihr Engagement und ihre Arbeit nicht belohnt wird.

Beispiel: Lehrer-Burnout

Die meisten Lehrerinnen und Lehrer, die sich von mir coachen lassen, sind selten Lehrkräfte, die nur Dienst nach Vorschrift machen. Im Gegenteil, es sind fast ausschließlich engagierte und hoch motivierte Lehrerinnen sowie Lehrer, die daran leiden, dass ihr überdurchschnittliches Engagement weder von den Schülerinnen und Schülern noch von Eltern noch von der eigenen Schulleitung anerkannt und wertgeschätzt wird.

Ihr Frust ist enorm. Denn im Gegensatz zu anderen Kolleginnen und Kollegen schieben sie keine ruhige Kugel. Sie bilden sich regelmäßig weiter, probieren in ihrem Unterricht Neues aus, nehmen sich sehr viel Zeit für ihre Schülerinnen und Schüler, opfern ihr Privatleben und ihre Freizeit für sie und die Schule. Sie machen tolle Ausflüge mit ihren Klassen, reisen mit den Schülern durch Europa und versuchen alles Menschenmögliche, um den Ruf der eigenen Schule zu verbessern.

Was sie für ihre Arbeit bekommen, ist wenig – viel zu wenig im Vergleich mit den Lehrkräften, die schon resigniert oder sich noch nie wirklich ein Bein ausgerissen haben. Doch trotz fehlenden Engagements, geringer Motivation und uninspirierten Unterrichts erhalten auch diese Kolleginnen und Kollegen die gleiche Besoldung bzw. das gleiche Gehalt – und manchmal, man kann´s kaum glauben, obendrein Leistungsprämien!

Dabei leisten sie viel weniger. Doch das interessiert das System nicht. Denn es schaut nur nach Status, Stufen und Besoldungsgruppen. Sind die Lehrer Beamte oder Angestellte? A13, A14 oder Tarifbeschäftigte? Stufe 4, 5 oder 6?

Das System ist ungerecht

Natürlich könnte man den engagierten Lehrkräften und den leistungswilligen Damen und Herren in den Ämtern zurufen, dass sie an ihrer Lage selbst schuld sind. Schließlich könnten sie es doch ihren Kolleginnen und Kollegen gleich machen. Minimaler Input, maximaler Output. Dienst nach Vorschrift zu machen ist doch clever!

Ja, in der Tat, das ist es. Aber dann brauchen wir nicht nach einem besseren Bildungssystem zu rufen. Oder nach einer effizienteren und bürgernahen Bürokratie. Oder nach Bürokratieabbau. Und schon gar nicht nach einer gerechteren demokratischen Gesellschaft.

Denn hier offenbart sich die Schwäche des öffentlichen Dienstes in Deutschland. Das System stammt aus einer Zeit, in der die Geburt, sprich die soziale Stellung, die Karriere vorgegeben hat. Diese Zeiten sind jedoch vorbei. Wenn wir also von unserem Bildungssystem fordern, es möge Kindern einen Bildungsweg unabhängig ihrer sozialen Herkunft ermöglichen, dann sollten wir uns auch endlich von unserem leistungsfeindlichen öffentlichen Dienst verabschieden.

In einer demokratischen und freiheitlichen Grundordnung, einer Leistungsgesellschaft, müssen gute Leistungen gerecht be- und entlohnt werden. Eine berufliche Karriere muss man sich ver- und nicht erdienen können. Soziale Gerechtigkeit fängt beim Staat an. Wir sind nicht mehr im 19. Jahrhundert. Nur unser Beamtenapparat ist es nach wie vor.

Es wird Zeit, dass sich das ändert, wenn es gerechter zugehen soll in unserem Land. Und nichts anderes hatte auch Willi Winzig im Sinn.

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