Jede Veränderung beginnt nicht nur mit dem ersten Schritt, sondern auch im Kopf. Nämlich mit der Entscheidung, dass sich etwas ändern muss.

Ohne diesen Entschluss verändert sich nichts. Wir specken nun mal keine zehn Kilo „einfach so“ ab. Auch wird in der Firma keine neue Software installiert, solange sich die Führungsriege nicht klar und deutlich für ein neues System ausspricht. Das Gleiche gilt für die Bürokratie: Sie wird erst dann abgebaut, wenn jemand das Startsignal dazu gibt.

Jede Veränderung bedarf eines klaren Entschlusses. Das Problem ist nur: Immer weniger Menschen wollen diese Entscheidungen treffen und zu ihnen stehen. Wo man auch hinsieht, drücken sich Verantwortliche vor wichtigen Entscheidungen.

Gewinner und Verlierer

Die Krux mit dem Entscheiden rührt daher, dass eine Entscheidung für etwas auch zugleich immer eine Entscheidung gegen etwas ist. Wer sich für das G9 entscheidet, entscheidet sich gegen das G8. Wer für die Jamaika-Koalition stimmt, spricht sich gegen Neuwahlen aus. Wer sich für einen Bewerber entscheidet, entscheidet sich gegen alle anderen Mitkandidatinnen und -kandidaten.

Die meisten Entscheidungen sind – entgegen prominenter Meinung – daher niemals alternativlos. Im Gegenteil: Oftmals gibt es eine Fülle an Alternativen und Optionen. Entscheide ich mich jedoch für A, muss ich damit rechnen, dass viele Anhänger der Varianten B, C, D usw. meine Entscheidung für falsch ansehen. Nur die Anhänger von Option A fühlen sich als Gewinner. Alle anderen sehen sich als Verlierer.

Nun können gerade in Unternehmen, Betrieben oder Schulen Entscheidungen schnell unbequem werden. Erst recht, wenn die Zahl der Verlierer die der Gewinner überragt. Denn Verlierer schmollen gerne. Manche machen das im stillen Kämmerlein, andere ziemlich direkt und offen. Diesen Widerstand muss man als Entscheidungsträger erst mal aushalten.

Experten gibt es wie Sand am Meer

Darüber hinaus lähmt viele Führungskräfte oder Schulleitungen schon allein die Aussicht, eine falsche Entscheidung zu treffen.

Stellen Sie sich nur einmal vor, Jupp Heynckes hätte nach der Entlassung von Carlo Ancelotti beim FC Bayern seine ersten Spiele nicht gewonnen. Wie schnell hätten alle Fußballexperten der Republik den FC Bayern für diese Entscheidung gerügt? Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge müssten sich die Frage gefallen lassen, warum Thomas Tuchel nicht verpflichtet wurde? Wenn etwas schief geht, stehen die Kritiker schnell Spalier und sagen, was man hätte besser machen müssen.

Im Entscheidungsdilemma

Führung ist immer Führung im Dilemma“, sagt der Unternehmensberater Reinhard K. Sprenger. Recht hat er. Wer Entscheidungen treffen muss, muss innere wie äußere Spannungen aushalten. Wer das nicht kann, geht ihnen aus dem Weg, indem er nicht entscheidet.

Genau das tun immer mehr Führungskräfte und Schulleitungen. Weil sie mit dem Druck, den die Entscheidung mit sich bringt, nicht umgehen können, fühlen sie sich unsicher. Schließlich wollen sie mit ihrer Entscheidung niemanden vor den Kopf stoßen. Wenn ich mich weder für A noch für B entscheiden will, entscheide ich am besten überhaupt nicht.

Verbindliche Entscheidungen

Diese Lösung mag auf den ersten Blick bequem erscheinen. Sie kann allerdings ganz schnell zu einem neuen Problem werden. Denn jedes Vakuum, das entsteht, wird gefüllt, auch ein Entscheidungsvakuum. Jede Führungskraft sollte sich daher ihrer Verantwortung stellen und die Entscheidungen treffen, die sie treffen muss.

Das erfordert auf der einen Seite Selbstdisziplin und Überwindung und auf der anderen Seite regelmäßiges Training. Gute Entscheidungen zu treffen, lernt man, indem man Optionen gegeneinander abwägt, sich Ratschläge und Feedback einholt und zu einem aktiv getroffenen Entschluss kommt.

So werden verbindliche Entscheidungen zu einer Gewohnheit. Je sicherer man wird, umso mehr schwindet auch die Angst vor falschen Entscheidungen. Schließlich kann man eine falsche Entscheidung meist korrigieren. Hingegen kann man eine, die man nicht getroffen hat, nur schwer revidieren.

Nicht zu entscheiden, ist nämlich auch eine Entscheidung. Und zwar eine, die man aus der Hand gibt. Das ist dann so, als ob man den ersten Schritt nie gemacht hätte.