Vor großen Turnieren wie einer Welt- oder Europameisterschaft pflegt Jogi Löw mit der deutschen Fußballnationalmannschaft stets ins Trainingslager zu fahren. Und auch Bundesligamannschaften brechen meist vor Beginn einer Saison oder spätestens vor dem Start der Rückrunde in ein solches Trainingscamp auf. Was sie dort tun, dürfte wohl auch dem Fußballunkundigsten klar sein: Technik verbessern, Fitness stärken, Kondition zulegen, taktische Finessen einstudieren, Stellungsspiel optimieren etc.

Damit nicht genug. Auch während eines Turniers oder einer Saison trainieren Fußballspieler regelmäßig die Woche über. Schließlich wollen sie ihre Leistung kontinuierlich verbessern und sich von Spiel zu Spiel steigern. Doch wie ist das bei Lehrern? Üben Lehrkräfte auch so viel? Ehrlich gesagt: Nein. Erstens fehlt ihnen die Zeit dazu, da sie nicht nur einmal, sondern gleich mehrfach die Woche unterrichten müssen. Und zweitens hat das Referendariat vielen Lehrern das „Unterrichten lernen und üben“ schlichtweg verleidet.

Allerdings ist das Referendariat bei den meisten schon längst passé und die Zeit sicherlich mehr als überreif, sich nochmals mit dem Gedanken des Unterrichtstrainings auseinanderzusetzen.

Talent und Übung 

Denn keine Lehrerin, kein Lehrer wird mit der Formel für guten Unterricht geboren. Manche mögen durchaus ein Talent dazu haben, doch das allein reicht wahrscheinlich genau so wenig aus wie das bloße Talent eines Kindes am Klavier. Getreu dem Motto „Übung macht den Meister“ verweist Malcolm Gladwell dazu in seinem Buch „Überflieger. Warum manche Leute erfolgreich werden und andere nicht“ auf die allgemein bekannte These, dass gut 10.000 Stunden erforderlich sind, um ein hohes Maß an Kompetenz in einem Bereich zu erlangen. Umgerechnet würde das eine Zeitspanne von etwa 10 Jahren bedeuten.

10 Jahre benötigen demnach die besten ihres Faches, um die besten ihres Faches zu werden. Das Referendariat der Lehrer dauert hingegen gerade mal zwei Jahre. Zwar lernt man im Referendariat, wie man vor einer Klasse unterrichtet, wie man wirkt und man bekommt häufig auch Feedback von seinen Ausbilderinnen und Ausbildern (manchmal auch unfreiwillig von den Klassen), ausführlich trainiert werden die einzelnen Unterrichtsstunden – mit Ausnahme von Lehrproben – jedoch kaum.

Im regulären Schulalltag bleibt späterhin dann wenig Zeit fürs Üben und Wiederholen. Schließlich läuft der Betrieb ständig weiter. Sofern nicht ab und zu die Schulleitung zum Unterrichtsbesuch kommt oder man sich von Kolleginnen oder Kollegen freiwillig oder gar gezwungenermaßen hospitieren lässt, kann man als Lehrerin oder Lehrer jahrelang unterrichten, ohne jemals eine Rückmeldung über seinen Unterrichtsstil zu erhalten. Kein Wunder, dass viele Lehrkräfte weder ihre Schwächen noch ihre Stärken kennen und kaum dazu animiert werden, ihre Unterrichtstechniken zu verbessern oder gar neue Handhabungen einzustudieren.

Eine Trainingseinheit einlegen 

Allein nur, um hin und wieder mal etwas Neues auszuprobieren, ohne die Schülerinnen und Schüler als Testpersonen zu nutzen, plädiere ich dafür, dass jede Lehrerin oder jeder Lehrer sich wenigstens ein- oder zweimal im Schuljahr eine Trainingseinheit gönnen sollte.

Laden Sie sich doch einfach mal ein paar Freunde nach Hause ein und zeigen Sie ihnen eine Ihrer Unterrichtsstunden (oder nur einen Teil davon). Das macht nicht nur irre viel Spaß, sondern kann Ihnen auch sehr viel weiterhelfen, wenn Sie sich nachher ein ehrliches Feedback von Ihren „Schülern“ geben lassen. Selbstverständlich müssen diese Freunde keine Lehrer sein – im Gegenteil – je unterschiedlicher sie sind, umso differenzierter wird ihr Feedback ausfallen. Warum nicht mal Ihren Unterricht von einem Ingenieur, einer Ernährungswissenschaftlerin oder einem Automechaniker begutachten lassen?Eine andere Möglichkeit, als Lehrkraft zu trainieren, ist natürlich das Filmen.

Zeichnen Sie sich auf und sehen Sie sich Ihre Performance einmal an. Dazu brauchen Sie keine professionelle Kamera, ein Smartphone reicht in der Regel locker dazu aus. Der Vorteil dieser Trainingseinheit besteht darin, dass niemand Sie sehen wird, so lange Sie es auch niemandem zeigen. Natürlich benötigt man etwas Überwindung, um sich selbst sehen und hören zu können. Aber diese Kraft ist minimal. Spätestens nach zwei Minuten werden Sie es als normal empfinden, sich zu sehen und sprechen zu hören. Schauen Sie dann genau hin. Was fällt Ihnen auf? Sagen Sie so oft „Äh“ wie Edmund Stoiber? Kratzen Sie sich ständig am Bart oder fassen Sie sich alle paar Minuten an die Nase? Werfen Sie Ihre Haare mehrmals nach hinten oder wischen Sie ständig Strähnen aus dem Gesicht? Reden Sie schnell oder langsam? Hoch oder tief?

Beobachten Sie sich mal. Ganz in Ruhe. Noch ist kein Meister vom Himmel gefallen. Kein Lehrmeister und auch kein Fußball-Europameister.

Weiterführende Links

Vormittags recht und nachmittags frei?
Kleider machen Lehrer – über das Outift der Pädagogen
Coaching für Lehrerinnen und Lehrer
Schulinterne Lehrerfortbildungen – gemeinsam Schule machen