Der deutschen Schullandschaft gehen die Schulleiterinnen und Schulleiter aus. Bereits jetzt fehlen – glaubt man aktuellen Zahlen – deutschlandweit an mehr als 1800 Schulen die Rektorinnen oder Rektoren. Besonders prekär scheint die Lage dabei in Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Sachsen-Anhalt zu sein. Eine gefährliche Entwicklung – und sie könnte erst der Anfang sein.

Denn immer weniger Lehrerinnen und Lehrer wollen Schulleiter werden – aus für mich absolut nachvollziehbaren Gründen. Denn die Anerkennung und Wertschätzung der Arbeit der Schulleiterinnen und Schulleiter hält sich derzeit in Deutschland in Grenzen, obwohl die Verantwortung, welche eine Schulleitung insgesamt trägt, ständig größer wird.

Unattraktive Bezahlung, viele Aufgabenfelder

Dies schlägt sich schon zu einem großen Teil in der Bezahlung nieder. Viele Chefposten werden nämlich abhängig nach Bundesland, Schulart und Größe der Schule bezahlt. Ihre Bezüge unterscheiden sich dabei kaum oder allenfalls nur geringfügig von denen der Lehrkräfte ohne Leitungsfunktion – und die Anrechnungsstunden sind ein Witz.

Verständlich, dass es vielen Lehrerinnen und Lehrern daher nicht schwerfällt, auf die Leitung einer Schule zu verzichten – vor allem wenn man bedenkt, mit viel Stress und Ärger das Amt meist noch verbunden ist, Freizeiteinbußen inklusive.

Doch nicht nur die Bezahlung ist unattraktiv. Auch die Aufgabenfülle wächst zunehmend. Viele Schulleiterinnen und Schulleiter müssen heute nicht nur Führungskraft, sondern nebenbei auch Manager, PR- und Marketing-Strategen sowie die bürokratischen und finanziellen Verwalter ihrer Schule sein.

Dass etliche von ihnen en passant auch noch unterrichten müssen, sei hier nur am Rande erwähnt. Daneben sind sie zusätzlich auch für die Entwicklung ihrer Schule verantwortlich, müssen die Kolleginnen und Kollegen motivieren, fördern bzw. fordern und für ein angenehmes Arbeits- und Unterrichtsklima an ihrer Schule sorgen.

Eine gigantische Mammutaufgabe

Dabei sind die wenigsten Schulleiterinnen und Schuleiter auf diese unzähligen Tätigkeiten adäquat vorbereitet worden. Viele von ihnen werden letztendlich einfach ins kalte Wasser geworfen. Schuld daran ist oftmals die Tatsache, dass viele Schulleitungen erst nach ihrer Ernennung eine Art Ausbildung oder Qualifizierung durchlaufen – oftmals nicht mehr als ein Crashkurs, den sie während ihrer eigenen Leitungstätigkeit auch noch irgendwie zeitlich unterbringen müssen.

Doch damit nicht genug. Sind die Chefinnen und Chefs einmal am Ruder, wird von ihnen auch nicht wenig von allen Seiten erwartet: Eigeninitiative und Engagement, pädagogisches Feingespür, ein astreines Konfliktmanagement, gute Entscheidungen sowie Offenheit und Transparenz in ihrer Kommunikation.

In einer Sandwichposition

Dass dies nur selten zur Zufriedenheit aller Gremien der Schulgemeinschaft zu bewerkstelligen ist, spüren die meisten Schulleitungen sehr schnell. Viele von ihnen resignieren. Andere schalten in den Kampfmodus und bilden sich fort, lesen Fachliteratur, lassen sich coachen oder brennen aus.

Viele Schulleiterinnen und Schulleiter kommen daher nie wirklich dazu, eine Vision ihrer Schule zu entwickeln und Innovationen an ihr voranzutreiben. Dies hängt meist auch damit zusammen, dass ihnen schlichtweg die Hände gebunden sind. Entweder steht das Kollegium den Veränderungen skeptisch gegenüber oder die Schulämter stellen sich quer.

Gute Schulleitungen, gute Schulen

Wer gute Schulen fordert, braucht gute Schulleitungen. Und diese brauchen, um exzellente Arbeit zu leisten, gute Rahmenbedingungen. Doch davon sind wir derzeit weit entfernt, solange wir die Schulleitungen nicht für ihre Aufgabenbereiche trainieren, nicht wertschätzend für ihre Arbeit und Mühen entlohnen und sie in ihrer Gestaltungsautonomie immer wieder aufs Neue einschränken.

Vor diesem ganzen Hintergrund finde ich es daher umso erstaunlicher, dass bei den vielen Themen der bildungspolitischen Debatte im Jahr 2017 die Schulleitungen kaum vorkommen. Wer soll denn bitte schön die ganzen Projekte wie digitale Bildung, Inklusion, G9-Reform, Ländervergleichstests, kleine Klassengrößen, iPad-Klassen, Ganztagesschulen usw. an den Schulen federführend zu einem Erfolg machen?

Wir brauchen gute Schulleiterinnen und Schulleiter. Und sie brauchen das Gefühl, für ihre Arbeit anerkannt und wertgeschätzt zu werden. Das ist eine lohnende Investition in die Zukunft unserer Kinder und Jugendlichen. Hier müssen wir ansetzen und uns Bildung endlich etwas kosten lassen.

Weiterführende Links

Coaching für Schulleiterinnern und Schulleiter 
Unser Chef braucht dringend einen Coach
Schulleitung 4.0 – Wie leitet man eine Schule im 21. Jahrhundert? 
Bildungsmanager: Was den idealen Schulleiter ausmacht (WirtschaftsWoche, 13. November 2017)