Was mich am Ostersamstag kurz nach halb fünf zu diesem Tweet bei Twitter geritten hat, konnte ich zunächst nicht wirklich sagen. Ich habe plötzlich das Bedürfnis verspürt, mich über Ostern „digital auszuschalten“ – eine Entscheidung, deren Folgen ich jedoch nicht bedacht hatte.

Gleich unmittelbar nach dem Tweet schaltete ich meinen Laptop in der Tat aus und legte mein Smartphone ins Regal. Der Fernseher war eh schon aus und blieb es auch über die Osterfeiertage – jedenfalls so lange ich in seiner Nähe war. Nur wenige Minuten nach meinem letzten digitalen Lebenszeichen war ich auch schon draußen und machte einen Spaziergang.

Aller Anfang ist schwer

Doch bereits zu dieser Zeit beschlich mich ein komisches Gefühl. Ich haderte mit mir und meiner spontanen Entscheidung. Bis Dienstag nach Ostern nicht mehr auf mein Smartphone schauen? Keine Emails mehr abrufen? Und auch nicht Facebook und Twitter checken? Geht das?

Es ging natürlich nicht. Schon gleich nach dem Spaziergang, der gerade einmal eine halbe Stunde gedauert hat, musste ich einen Blick auf mein Handy werfen. Mein Tweet auf Twitter war in der Zwischenzeit schon einige Male geliked worden, ein paar Follower wünschten mir frohe Ostern und beglückwünschten mich zu meiner Entscheidung. Schön, das zu sehen bzw. zu lesen. Sollte ich ihnen jetzt antworten?

Nein. Ich habe es nicht getan. Denn ich hatte etwas kapiert. Was, verrate ich jetzt noch nicht. Nur soviel schon vorneweg: Statt zu antworten, was ich normalerweise natürlich gemacht hätte, legte ich das Smartphone wieder ins Regal zurück.

Ostern offline 

Ab diesem Moment war mir klar, dass ich es schaffen würde, Ostern offline zu sein. Und ich habe es geschafft. Ich habe weder am Ostersonntag noch am Ostermontag Emails gecheckt noch endlose Timelines durchgescrollt. Ich habe weder Nachrichten gelesen noch im Fernsehen gesehen. Kurzum: Ich war off und das war gut so.

Auf einmal hatte ich Zeit, um spazieren zu gehen. Zeit für die Familie. Zeit zum Lesen. Zeit zum Nachdenken. Keine ständige Informationsflut. Kein ständiges Blinken und Vibrieren. Es herrschte Ruhe.

Diese Ruhe war nicht gespenstisch – im Gegenteil. Sie tat gut. So gut, dass ich schon am frühen Ostermontag den Entschluss gefasst hatte, meine digitale Abstinenz auf die gesamte Woche auszudehnen. Schließlich waren in Bayern und vielen anderen Bundesländern Osterferien.

Wir sind süchtig nach Ablenkung 

Gesagt, getan. Acht Tage lang ohne Smartphone, PC und Laptop – dafür aber mit viel Zeit zum Beobachten. Und was ich alles beobachtet habe! Als ob meine Sinne extra dafür geschärft worden wären, fielen mir – wie kann es auch anders sein – hauptsächlich Menschen mit einem Smartphone in der Hand auf. Was ich gesehen habe, hat mich schockiert.

Denn egal wohin ich blickte, hantierte stets jemand mit einem „digitalen Endgerät“. Ein paar Kinder waren auch dabei. Doch meistens waren es Erwachsene. Erwachsene, die für Kinder eigentlich ein Vorbild sein sollten. Erwachsene, die sich allerdings eher wie Kinder benommen haben.

Da war das Pärchen, das am Mittwochabend in einem Restaurant neben mir am Tisch saß. Erwachsene Menschen, die ihr Essen zunächst fotografierten und es anschließend irgendwo online psoten. Doch damit nicht genug. Auch während des Essens waren beide weiterhin mit ihren Smartphones beschäftigt. Miteinander gesprochen haben sie wenig. Miteinander gegessen auch kaum, denn vor lauter digitaler Beschäftigung haben sie es vergessen und kalt werden lassen.

Doch nicht nur im Restaurant benehmen sich viele Menschen so seltsam. Wohin man auch in der Stadt blickt, jeder scheint sich auch nur die geringste Zeit mit dem Smartphone zu vertreiben: beim Warten auf dem Bus, an der Ampel im Auto, beim Fahren in der U-Bahn und sogar beim Gehen – auch auf die Gefahr hin, überfahren zu werden.

Was passiert hier?, denke ich mir, als die Mutter in der Reihe vor mir während der Kindervorstellung im Marionettentheater einfach Messages tippt und sich auch über das Verbot, nicht zu fotografieren oder zu filmen, einfach hinwegsetzt. Warum ist es uns wichtiger, in der Pause Facebook zu checken, anstatt mit den Kindern über das Stück zu reden?

Läuft hier was schief?

Nein, ich verteufle die digitalen Medien nicht. Sie sind nützlich und ich möchte mein Smartphone nicht missen, wenn ich mit einer Panne auf einer Autobahn im Nirgendwo stehe. Doch anscheinend haben viele von uns Angst. Nämlich die Angst, etwas zu verpassen. Und diese Angst resultiert aus der schieren Zahl an Möglichkeiten, über die wir heute dank digitaler Medien und Internet verfügen. Die Qual der Wahl sozusagen.

Wir können jeden Moment nutzen, um uns allen möglichen Informationen und Reizen auszusetzen. Doch irgendwann schnappt die Falle zu. Und dann sind wir den Informationen und Reizen ausgesetzt. Dann beherrschen nicht mehr wir sie, sondern sie uns – und wir haben das Gefühl, dass uns irgendetwas fehlt: die ständige Erreichbarkeit, die Anerkennung, das Gefühl, wichtig zu sein.

Stattdessen fehlt uns aber etwas viel Wichtigeres. Die Fähigkeit, den Moment nicht mehr als Moment wahrnehmen zu können und dem Geschehen nur beizuwohnen sowie das Erlebte aktiv zu reflektieren und zu verarbeiten. Anders ausgedrückt: Wir flüchten – im Restaurant, an der Ampel, in Bus und U-Bahn und auf dem Gehweg. Und zwar vor uns selbst.

Bei mir hat es Klick gemacht!

In dem Moment, als ich meinen Followern am Ostersamstag antworten wollte, hat es bei mir Klick gemacht. Und ich hatte von einer Sekunde auf die andere verstanden, wie man sich die Gewalt über die digitalen Geräte und Medien wieder zurückerobert. Indem man nicht die Geräte entscheiden lässt, wann sie blinken, bimmeln oder brummen. Indem man nicht den Mails die Entscheidung überlässt, wann sie sich melden. Sondern indem man selbst wieder die Kontrolle übernimmt.

Um ehrlich zu sein: Ich habe es nicht ganz geschafft, eine Woche lang mein Smartphone nicht anzurühren. Allerdings habe ich es nur benutzt, als ich es benutzen musste. Weil ich nämlich mit meinem Wagen mit einer Panne auf einer Autobahn im Nirgendwo stand…