Zu Beginn meiner Lehrerkarriere musste alles immer nahezu perfekt sein – sowohl mein Auftritt vor der Klasse wie auch jede Unterrichtsstunde. Schließlich war mir das in der Ausbildung so beigebracht worden. Doch kaum hatte ich das Referendariat hinter mir, wurde mir schlagartig bewusst, dass das ganze Getue um die perfekte Unterrichtsstunde und die perfekte Lehrkraft alles nur Humbug ist.

Heute weiß ich: Die perfekte Unterrichtsstunde gibt es genauso wenig, wie es die perfekte Lehrerin oder den perfekten Lehrer gibt. Wer zum Perfektionismus neigt, steht meist nur sich selbst im Weg, denn Lehrkräften gelingt es selten, fehlerfrei zu arbeiten. Deshalb sollte man als Lehrerin oder Lehrer am besten gar nicht versuchen perfekt zu sein. Denn hinter dieser Einstellung bzw. hinter diesem Wunsch verbirgt sich nur der hinderliche Ehrgeiz, über das geforderte Maß hinaus perfekt zu sein.

Wie ist das bei Ihnen? Sind Sie Perfektionist/-in?

Ich habe 15 Punkte zusammengestellt, mit denen Sie herausfinden können, ob Sie perfektionistisch veranlagt sind oder nicht.

Welche der folgenden Aussagen trifft auf Sie zu?

  1. Sie sind selten mit Ihrem Unterricht zufrieden.
  2. Sie planen Ihren Unterricht oft bis ins kleinste Detail durch.
  3. Jede Unterrichtsstunde, die anders verläuft, als von Ihnen geplant, geht für Sie daneben.
  4. Sie beginnen in Gesprächen unter Kollegen oft mit dem Satz „Das Problem ist nur…“.
  5. Sie engagieren sich, um sich den anderen Kolleginnen und Kollegen überlegen zu fühlen.
  6. Sie wollen die beste Lehrerin/der beste Lehrer an Ihrer Schule sein.
  7. Sie sind bei allem, was an Ihrer Schule läuft, dabei, denn ohne Sie läuft an Ihrer Schule nichts.
  8. Sie sehen bei den Ideen und Äußerungen der anderen immer zuerst die Mängel.
  9. Sie bewerten die Äußerungen der anderen sofort und üben Kritik an ihnen.
  10. An jeder Idee oder an jedem Konzept finden Sie etwas, das man noch optimieren könnte.
  11. Sie vermeiden Fehler, wo Sie nur können.
  12. Sie vermeiden jede Situation, in der Sie unperfekt wirken könnten.
  13. Wenn Ihre Schulleitung den Raum betritt, verändern Sie Ihr Wesen.
  14. Selbst die unwichtigsten Aufgaben erledigen Sie gewissenhaft.
  15. Sie loben sich selten selbst.

Wenn keiner der 15 Punkte auf Sie zutrifft, können Sie sich gratulieren. Sollte jedoch auch nur einer dieser Punkte auf Sie zutreffen, sollten Sie hellhörig werden und sich in nächster Zeit verstärkt selbst beobachten.

Flügel statt Ketten

Versuchen Sie herauszufinden, weshalb Sie diesen besonderen Ehrgeiz in sich tragen. Stellen Sie sich die Frage: Welches Bedürfnis befriedige ich dadurch? Sobald Sie eine Antwort gefunden haben, werden Sie gelassener werden. Lachen Sie darüber, dass Sie einen perfektionistischen Tick haben. Und nehmen Sie ihn ab sofort nicht mehr so wichtig. Konzentrieren Sie sich auf das große Ganze und nicht mehr so sehr auf die Details bei Ihren Aufgaben. Wichtig ist, dass Sie Ihre Aufgaben gut erledigen.

Lieber fertig und unperfekt als nicht fertig und perfekt.

Glauben Sie mir, es wird Sie beflügeln…