„Welche Vorbilder haben Sie eigentlich?“

Ich sehe den Schüler, der mir diese Frage gestellt hat, verdutzt an. „Wieso willst du das wissen?“, frage ich ihn zurück. Blöder Reflex mit einer Gegenfrage zu reagieren, wenn man keine passende Antwort parat hat. Doch im Gegensatz zu mir hat der Schüler eine: „Ich habe gestern in einem Buch gelesen, man soll seine Vorbilder nach ihren Vorbildern fragen.“ Meine Augen werden noch größer. Habe ich mich etwa verhört?

Im Nachhinein bin ich dem Schüler für diese Frage unendlich dankbar. Denn er hat mich an etwas erinnert, das mir im Eifer des Schulalltags entfallen war. Lehrer sind Vorbilder.

Vielleicht denken Sie jetzt, dass das ja nun wirklich keine neue bahnbrechende Erkenntnis ist. Schließlich hat man uns schon im Referendariat eingebläut, dass Lehrerinnen und Lehrer für ihre Schüler eine Vorbildfunktion haben. Doch die Sache wird spannend, wenn man sie mal aus der Perspektive der Schüler betrachtet.

Kinder und Jugendliche suchen sich ihre Vorbilder selbst aus. Manche greifen dabei lieber auf prominente Idole wie z.B. Taylor Swift, Elias M´Barek, Manuel Neuer oder Angelina Jolie zurück, andere orientieren sich an Politikern wie Angela Merkel, Nelson Mandela oder Martin Luther King oder eben an Menschen, mit denen sie tagein, tagaus zu tun haben – an ihren Eltern bzw. an ihren Lehrkräften.

Wer auch ein Vorbild für sie ist, von dem nehmen die SchülerInnen mit, was sie als neu und spannend empfinden. Und das passiert meist, indem sie es nachahmen. Kinder und Jugendliche lernen nun mal von ihren Vorbildern, indem sie sie imitieren. Das ist zugleich die schnellste Form des Lernens (Bandura). Deshalb verhalten sich die Schülerinnen und Schüler wie ihr Vorbild, denken wie ihr Vorbild, sprechen wie ihr Vorbild, handeln wie ihr Vorbild.

Ausgerechnet ich?

Im Umkehrschluss bedeutet das für uns Lehrkräfte so viel mehr, als wir uns bisher bei diesem Thema gedacht haben. Denn Vorbild kann man in positiver wie in negativer Hinsicht sein und das Tolle daran ist, dass auch jeder Lehrer die Entscheidung, welche Art von Vorbild er sein möchte, selbst bestimmen kann.

Und so geben einige Lehrkräfte (ohne dass es ihnen vielleicht bewusst ist) ein schlechtes Vorbild für ihre Schüler ab, vor allem dann, wenn sie ihnen predigen, dass lebenslanges Lernen unabdingbar sei, sie selbst sich allerdings dagegen sträuben, ihre eigenen Fähigkeiten (z.B. im Umgang mit neuen Medien und der Digitalisierung) weiterzuentwickeln.

Ein Lehrer, der seinen Klassen die tollsten Projekte vom Himmel verspricht, sie aber nicht umsetzt, gibt ebenfalls ein schlechtes Beispiel ab. Denn er ist nicht glaubwürdig. Wer während einer Gruppenarbeit Zeitung liest, auf seinem Smartphone spielt oder im Internet surft und sich nicht für die Arbeit seiner SchülerInnen interessiert, darf sich nicht wundern, dass sich die Klasse auch irgendwann nicht mehr für seinen Unterricht erwärmt.

Lehrer, die die Schuld für ihr Versagen bei anderen Personen suchen oder sie den Umständen zuschieben, üben ebenfalls einen negativen Einfluss auf ihre Klassen aus. Denn die Kinder und Jugendliche lernen von ihnen, dass man keine Verantwortung im Leben übernehmen muss, solange man die Schuld immer von sich weisen kann. Und wer bei jeder Idee seiner Schüler nur Probleme und Hindernisse sieht, wird schnell ihr Vertrauen verlieren.

Das Allgemeine wird niemals das Vorbildliche

Die Lehrkraft, die hingegen nach Möglichkeiten sucht, auch unkonventionelle Ideen mit Ihrer Klasse umzusetzen, kann schnell zu einem Vorbild für die Kinder und Jugendlichen werden. Denn solche Lehrerinnen und Lehrer beweisen, dass sie selbst immer noch neugierig sind, querdenken und nach kreativen Lösungen suchen. Wenn Lehrkräfte die Werte vorleben, die ihnen wichtig sind, können sie sie auch leicht von ihren Schülern selbst einfordern. Sie tun, was sie sagen, halten ihre Versprechen und besitzen Authentizität.

Wer sich selbst große Ziele steckt und hohe Anforderungen an sich hat, entwickelt sich kontinuierlich weiter und wächst nicht nur selbst, sondern auch in der Achtung seiner Schülerinnen und Schüler. Lehrkräfte, die Vorbilder sind, wissen, dass sie nicht perfekt sind und übernehmen für ihre Fehler die Verantwortung. Denn aus Fehlern lernt man.

Solche Lehrer sind Vorbilder für Ihre Schülerinnen und Schüler. Jeder kann selbst entscheiden, ob er einen positiven oder negativen Einfluss auf seine Schüler haben will.

Also welches Vorbild wollen Sie sein?

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