Deutschunterricht 10. Klasse. Eine Schülerin hält ein Referat. Nach dem Unterricht besprechen wir es kurz. Ich gebe Feedback, lobe ihre Stärken, weise sie auf Unstimmigkeiten sowie auf inhaltliche Fehler hin. Alltagsgeschäft eines Lehrers. Da meint die Schülerin plötzlich: „Sie haben gut reden. Sie sitzen hintendrin und dürfen bewerten.“

Ja, das darf ich und das muss ich auch. Diese Situation erinnert mich daran, wie mal ein Klassenkamerad in meiner eigenen Schulzeit genau diese Worte unserem Lehrer an den Kopf geworfen hatte. Der meinte darauf hin recht trocken: „Mach Abitur, geh studieren, werd‘ Lehrer, dann darfst du das auch!“ Das saß. Natürlich ist es bequemer, hinten zu sitzen und die Performance zu bewerten, die jemand gerade vor der gesamten Klasse abrufen muss.

Wie bequem, ein Einzelkämpfer zu sein!

Genau diese Haltung erklärt auch, weshalb Lehrerinnen und Lehrer so gerne Unterrichtshospitationen, also Unterrichtsbesuche von Kolleginnen oder Kollegen, ablehnen. Zunächst einmal ist die soziale Norm daran schuld. Im Unterricht waren die meisten Lehrerinnen und Lehrer schon immer und sind wahrscheinlich noch immer Einzelkämpfer. Einzige Ausnahme: Team-Teaching.

Dieser Glaubenssatz ist genauso weit verbreitet wie das schlechte Gefühl, das eine Lehrkraft überkommen kann, wenn sie bloß an eine kollegiale Unterrichtshospitation denkt. Denn so richtig Bock hat niemand, etwas von sich preis zu geben, was einen negativen Touch haben könnte. Schließlich könnte dem Kollegen hinten im Klassenzimmer ja eine Schwäche von mir auffallen.

Oder es gibt andere Überraschungen. Prahle ich im Vorfeld schon damit, was ich für einen tollen Unterricht mache, kann ich eigentlich nur verlieren, wenn die Unterrichtsstunde wider Erwarten in die Hose geht. Eigenlob stinkt ja bekanntlich.

Der Studienreferendar in uns 

An dieser Haltung ist das Referendariat schuld. Wann immer wir damals im Klassenzimmer vorne performen mussten und dabei bewertet wurden, hat sich unser Gehirn diese unangenehme Situation gemerkt. Stichwort Lehrprobe. Deshalb empfinden viele Lehrerinnen und Lehrer Unterrichtsbesuche von Schulleitungen heute immer noch überwiegend negativ – gerade weil solche Qualitätskontrollen früher oder später in eine Beurteilung oder einen Leistungsbericht miteinfließen können. Zusätzlich festigt es auch noch unser Image im Kopf der Schulleitung.

Dieses Denken spielt bei der Überlegung, sich hospitieren zu lassen oder jemanden zu hospitieren, eine wichtige Rolle. Sicherlich würden die meisten Lehrkräfte eher hospitieren gehen als sich hospitieren zu lassen, denn ersteres ist eindeutig die bequemere Lösung. Werden wir hospitiert, riskieren wir offenbar mehr, als es uns scheinbar nützt. Wer will sich da schon verändern? Und überhaupt, es soll sich doch nichts verändern!

Das sehe ich anders!

Und Sie sollten es auch anders sehen. Denn wer sich nicht hospitieren lässt, will sich nicht weiterentwickeln! Wer andere im Unterricht nicht besucht, dem liegt nichts am Wachstum seiner Kolleginnen und Kollegen. Und schwupps – bekommt das Ganze einen neuen Kick.

Unterrichtshospitationen bieten Wachstumschancen. Denn wer mich im Unterricht besucht, der kann mir auch meine Stärken aufzeigen. Und das erlaubt mir, mich weiterzuentwickeln. Genauso kann ich meiner Kollegin oder meinem Kollegen Wachstum ermöglichen. Zugleich lerne ich von ihnen – etwa durch Nachahmung oder Inspiration. Wie unterrichtet die Physiklehrerin im Gegensatz zum Musiklehrer? Was kann der Mathematiker von der Kunstlehrerin lernen? Eine ganze Menge.

Wer hospitiert, verlässt die Kuschelzone! Ja, diese Kolleginnen und Kolleginnen sind den anderen einen Schritt voraus! Sie haben schon ihre ganzen Prägungen aus ihrer Schulzeit, ihrem Studium und ihrem Referendariat eigenhändig über Bord geschmissen!

Gehen Sie voran. Man wird Ihnen folgen!

Mit jeder kollegialen Hospitation erhalten Sie Anerkennung und die Chance, sich weiterzuentwickeln – egal ob Sie performen oder „nur“ beobachten. Berichten Sie dann von Ihren positiven Erlebnissen im Kollegium,  werden immer mehr Kolleginnen und Kollegen Hospitationen als normal empfinden.

Deshalb fangen Sie mit dem Hospitieren an! Wählen Sie die Kollegin oder den Kollegen für Ihre erste Hospitation gezielt aus. Vereinbaren Sie mit ihr oder ihm, wenn es nötig erscheint, Spielregeln. Legen Sie z.B. fest, dass sie oder er nur auf Ihre Stärken achten soll. Für Sie gilt dann das Gleiche beim Gegenbesuch. Sie werden sehen, irgendwann wollen Sie wissen, was in Ihrem Unterricht nicht optimal läuft…

Weiterführende Links

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Schulentwicklung – Beratung für Schulen
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