Moderne Väter von heute haben alles im Griff: ihren Job, ihre Hobbys, ihre Interessen und natürlich auch ihren Nachwuchs. Doch manchmal trügt der Schein, so wie etwa bei jenem Vertreter seiner Zunft, der neulich mit seiner Tochter der gleichen Kindertheater-Vorstellung beiwohnte wie ich.

Kurz bevor das Ein-Mann-Stück zur Geschichte „Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt“ anfing, gab er nämlich seiner Tochter, die einige Reihen vor ihm Platz genommen hatte, laut und deutlich die strikte Anweisung, ja „Contenance zu bewahren“. Dann setzte er sich in die buchstäblich allerletzte Reihe und beschäftigte sich fortan mit seinem Smartphone. Dass der Schauspieler nur wenige Augenblicke zuvor extra darum gebeten hatte, die Handys auszuschalten und nicht während der Vorstellung zu fotografieren, störte ihn wenig – im Gegenteil: Von Zeit zu Zeit hörte man das Knipsen.

Natürlich kann jeder Erwachsene tun und lassen, was er will, solange er auch die Verantwortung für sein Handeln übernimmt. Aber dennoch passiert es mir in letzter Zeit immer häufiger, dass ich für die Kinder gerne das Wort ergreifen will – bei der Mutter, die rauchend neben ihrem Kind steht, oder eben bei diesem Vater, der nicht in der Lage ist, seinem Kind vorzuleben, wie man sich in einer Theatervorstellung (und aus Respekt gegenüber dem Künstler und der Kunst) benimmt.

Müssen Erwachsene glaubwürdig sein?

Vielleicht mag meine Sichtweise in dieser Frage altmodisch sein, aber dennoch finde ich, dass man als Erwachsener nicht von den Kindern Dinge erwarten kann, die man selbst nicht zu erfüllen im Stande ist. Seinem Nachwuchs am Tisch Gemüse schmackhaft zu machen, während man sich selbst lieber nur von Currywurst und Pommes ernährt, ist einfach unglaubwürdig. Genauso wie im Theater vom Kind Haltung und Selbstdisziplin zu erwarten, während man selbst daddelt.

Was für Eltern gilt, gilt natürlich auch für Lehrer. Ich kann als Pädagoge nicht von meinen Schülern erwarten, dass sie 45 oder gar 90 Minuten auf WhatsApp verzichten, derweil ich ständig am Lehrerpult Nachrichten verschicke – und sei der Anlass auch noch so wichtig! Leichter kann man seine Glaubwürdigkeit wirklich nicht verspielen.

Schlimmer noch: Wir erwarten mehr von den Kindern als von uns selbst, weil wir von ihnen Dinge verlangen, deren Einhaltung uns selbst nicht leicht fällt. Doch Kinder benötigen gerade dieses Vertrauen in ihre Eltern und Lehrer. Sie brauchen sie als Vorbilder, an denen sie sich orientieren können.

Deshalb sollten wir glaubwürdig bleiben – vor uns selbst und den Kindern.

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