Der Golfspieler holt weit aus und schlägt ab. Der Ball zischt mit einer hohen Flugbahn davon, senkt sich ein paar Sekunden später allmählich wieder hinab und schlägt auf dem Green auf, bevor er ins Loch hoppelt. Erst ein Raunen, dann tosender Beifall der zuschauenden Menge. Wahnsinn! Ein Hole in One!

Zurecht lässt sich der Golfer feiern. Schließlich ist ihm ein „Glückstreffer“ gelungen. Denn statistisch gesehen, liegt nach aktuellen Zahlen des Deutschen Golf Verbandes die Wahrscheinlichkeit dafür bei ca. 1:10000. Selbst professionelle Golfer haben nur eine geringfügig bessere Quote.

Erfolg auf Anhieb?

Trotz dieser Zahlen sind viele Golfspieler davon überzeugt, dass ihnen auch irgendwann mal ein solcher Schlag gelingt. Daran, wie oft sie dafür abschlagen müssen, denken sie nicht. Niemand denkt gerne über sein Scheitern nach. Lieber träumen wir vom Erfolg – und am liebsten vom Erfolg auf Anhieb.

Dieses Denkmuster beobachte ich zuweilen auch in meinen Kreativitätstrainings. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer glauben nämlich, dass ihre erste Idee zugleich auch schon die beste ist. Deshalb bewerten sie diese meist auch am besten und beginnen, sie schon nach kurzer Zeit weiterzuentwickeln.

Stellt sich dann im Verlauf des Prozesses heraus, dass die Idee doch etliche Schwachpunkte hat, wird sie meist dennoch durchgedrückt. Die wenigsten geben sie vollständig auf. Schließlich hat man schon so viel Arbeit hineingesteckt.

Ein Schlag ins Wasser

Ein solches Denken ist in vielen deutschen Unternehmen, Behörden und Schulen weit verbreitet. Viele Produkte, Projekte, Konzepte und Ideen, welche sich anfangs wie ein Hole-in-One angefühlt haben, werden akribisch weiterentwickelt, obschon sich deutlich abzeichnet, dass sie ein Schlag ins Wasser werden und man mit ihnen baden gehen wird.

Dass es zu solchen Fehleinschätzungen kommt, hängt oftmals mit der Kultur der Organisation zusammen, in der die Einschätzung vorgenommen wird. Tief verankerte Strukturen sind nämlich oftmals daran schuld, dass Ideenfindung und Ideenbewertung nicht strikt voneinander getrennt werden.

In meiner Zeit als Lehramtsanwärter wohnte ich einer Lehrerkonferenz bei, bei der die Schulleitung ein Brainstorming veranstaltete. Es ging um die Absprache der Lehrkräfte bei Hausaufgaben. Obschon die Spielregel, die Ideen nicht zu bewerten, klar ausgegeben wurde, hielt sich nach ein paar Wortmeldungen bereits niemand mehr daran. Ideenfindung und Ideenbewertung wurden vermischt und eine der ersten Ideen gleich weiterentwickelt.

Auf Plattform 12

Beim Technologiekonzern Bosch geht man da innovativere Wege. Der Konzern hat nämlich in Renningen bei Stuttgart mit „Plattform 12“ einen eigenen Forschungsstandort für kreative Ideen geschaffen. Hier werden von klugen Köpfen Lösungen für die Bedürfnisse von morgen gesucht. Ideenfindung und Ideenbewertung sind dabei allerdings klar voneinander getrennt – und man ist sich auch des Scheiterns der vielen Ideen bewusst. Aus diesem Grund werden bei Bosch nicht nur ein paar Ideen gesucht, sondern gleich 100. Denn die braucht es, damit eine sich durchsetzen kann.

Natürlich denkt Bosch in anderen Sphären als ein paar Lehrkräfte, die „nur“ nach Lösungen für ein funktionierendes Hausaufgabenkonzept suchen. Doch was damals im Lehrerzimmer der Schule nicht funktionierte, war die Tatsache, dass es niemand lange aushielt, eine Idee einfach nur in den Raum zu werfen, ohne sie in Frage zu stellen oder gar schon zu Ende zu denken. Die Lehrkräfte haben sie gleich bewertet, anstatt erst einmal zu sammeln und abzuwarten – 10 oder 20 Gedanken wären sicherlich ausreichend gewesen.

Kreativität braucht Freiraum

Ich bevorzuge in meinen Kreativitätsseminaren Schnapszahlen wie 11, 22 oder 33.  Erst wenn also z.B. 33 Gedanken in den Raum „geworfen“ wurden, wird die Ideenfindung für abgeschlossen erklärt. Der Vorteil daraus liegt auf der Hand: Anstatt gleich die erste oder zweite Idee weiterzuverfolgen, ergeben sich durch die vielen Impulse und Anregungen oftmals Überschneidungen oder sinnvolle Kombinationen – Verknüpfungen, an die bei der zweiten oder dritten Idee niemand im Traum gedacht hätte.

Kreativität braucht Freiraum. Diese gedankliche Spielräume sollte man sich so lang wie möglich offen halten. Wer allerdings schon gleich zu Beginn eine Idee als ausgegoren hält, verengt die kreativen Leitplanken enorm. Dieser Versuchung sollte man widerstehen. Lieber sich zurückhalten, bis man die vorgegebene Zahl an Ideen erreicht hat.

Das ist sicherlich einfacher, als irgendwann erkennen zu müssen, dass man seine erste Einschätzung revidieren muss und ineffizient gearbeitet hat. Der Golfspieler konzentriert sich ja auch in der Regel darauf, den Ball mit so wenigen Schlägen wie möglich im Loch zu versenken.

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