• Impulse für Schule & Unterricht

Jan11

Lehrerkonferenz 2.0

Für eine neue Sitzungskultur an Schulen

Ich kenne keine Schule, an der sich das Lehrerkollegium mehr Lehrerkonferenzen als unbedingt notwendig wünscht. Und auch manchen Schulleitungen graust es davor. Lehrerkonferenzen bzw. Gesamtkonferenzen genießen in der deutschen Schullandschaft nicht den allerbesten Ruf – verständlich: Es sind Zwangsveranstaltungen, deren bürokratischer Inhalt oft unspektakulär ist.

Auch in Philipp Möllers Erfahrungsbericht „Isch geh Schule. Unerhörtes aus dem Leben eines Grundschullehrers“ kommen Lehrerkonferenzen genauso schlecht weg wie die Lehrer, die an ihnen teilnehmen1. In der Tat sind viele mit ihren Gedanken ganz woanders, lesen Zeitung, surfen mit ihren Smartphones und Tablets im Internet oder schlafen mit offenen Augen. Verhaltensweisen, die man sonst eher von Schülern aus dem Unterricht kennt.

Operation gelungen, Patient tot

Die Schulleiter sind sich dieses Problems durchaus bewusst. Längst schon versuchen sie aktiv gegenzusteuern, indem sie verstärkt auf einen interessanteren Inhalt setzen. Andere gehen sogar noch einen Schritt weiter und achten bei der Vorbereitung der Konferenz bereits auf eine vertretbare Zeitplanung, damit ihre Lehrer nicht zu viel von ihrer wertvollen Zeit verlieren. Und auch dass man als Schulleiter auf einen positiven Ausklang der Konferenz achten sollte, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Viele beenden die Sitzung daher mit guten Nachrichten oder erfreulichen Ergebnissen, in der Hoffnung, die Begeisterung und den Elan der Kollegen nachhaltig zu steigern.

So schöpft jede Schulleitung mittlerweile aus einem vielseitigen Methodenkoffer, um den Lehrerkonferenzen an ihren Schulen zu mehr Pepp zu verhelfen. Und doch reicht diese nur zu durchsichtige Medizin einfach nicht aus.

Zeit, dass sich was dreht

Warum machen wir nicht einfach Schluss mit dieser Art von Lehrerkonferenzen? Führen wir doch stattdessen eine neue Sitzungskultur an unseren Schulen ein - und das so schnell wie möglich.

Betrachten Sie es doch mal aus dieser Sicht: Wie oft haben Sie die Chance, mit so vielen hervorragenden Akademikern bzw. Pädagogen zusammenzuarbeiten? Was man mit diesen hellen Köpfen alles gestalten könnte!

Nehmen wir einmal an, Sie haben ein 20-köpfiges Kollegium. Dieses sitzt zwei Stunden in einer Lehrerkonferenz, das sind auf einen Schlag 40 Arbeitsstunden. Und jetzt fragen Sie sich: Was könnten Sie in 40 Stunden alles an Ihrer Schule in Bewegung bringen?

Stattdessen beschäftigen sich Lehrerkonferenz häufig mit Themen, die niemanden so wirklich aus der Reserve locken. Entweder man kann sowieso nichts an den von oben kommenden Verordnungen ändern, oder man muss ellenlange Informationen und jährlich bekanntzugebende Rundschreiben über sich ergehen lassen. Die Chance, die Schule in einer Lehrerkonferenz weiterzuentwickeln, lassen viele Schulleiter ungenutzt.

Setzen Sie die Segel neu!

Um eine neue Lehrerkonferenz-Kultur an einer Schule zu implementieren, genügt es, drei Ventile zu öffnen, um den Kurs zu ändern, nämlich Innovation, Verantwortung und Vertrauen.

1. Innovation

So könnten Sie die Lehrerkonferenzen ab sofort vor allem dazu nutzen, neue Ideen und Impulse aus den Reihen der Kollegen aufzugreifen. Die angesehensten Unternehmen arbeiten mittlerweile mit dieser Methode – und das mit Erfolg. Jeder kann dabei seine Einfälle und Wünsche einbringen, ohne gleich dafür gelobt oder gerügt zu werden. Bewerten ist untersagt, die Äußerungen werden zunächst nur notiert. Ausufernde Pro- und Contra-Diskussionen, die in Lehrerkonferenzen gerne mal für kurzweilige Unterhaltung sorgen, sind dagegen nicht vorgesehen. Erst nach der Sammlung, nimmt man sich zweier oder dreier Themen an. Als Schulleiter erhält man somit aus zuverlässiger Quelle Hinweise darauf, was den Kollegen auf den Nägeln brennt...

2. Verantwortung

Das oberste Ziel einer Lehrerkonferenz sollte darin bestehen, dass alle Kollegen am gleichen Strang ziehen. Doch das bringt mit sich, dass sie erst einmal Verantwortung für sich, ihre Kollegen und ihre Schule übernehmen. Und indem sich die Kollegen die Themen selbst vorgeben, ist dies bereits erfolgt. Sie haben Farbe bekannt.

Doch das ist erst der Anfang. Denn wer Verantwortung übernimmt, engagiert sich auch. Als Schulleiter können Sie sich somit so gut wie sicher sein: Die meisten Lehrer werden früher oder später für eins der Themen brennen. Wichtig ist nur, dass man bestimmt, wer für jedes Thema die Leitung übernimmt und damit Ansprechpartner für alle anderen ist.

3. Vertrauen

Womit wir auch schon beim nächsten Prinzip wären. Ohne Vertrauen läuft in einer solchen Lehrerkonferenz-Kultur nämlich nichts. Jeder muss dem anderen sein Vertrauen schenken, selbst wenn die Ideen für diesen oder jenen auch noch so irrsinnig erscheinen. Nichts spricht dagegen, studierten Menschen, die sich um die Umsetzung der Idee kümmern, zunächst einmal zu vertrauen. Und wer die Idee sowieso gut findet, wird sicherlich früher oder später seine Unterstützung anbieten. Die Schulleitung und alle anderen Kollegen müssen nur Vertrauen haben. Wenn eine Idee gut umgesetzt wird, kann sie eine Bereicherung für alle sein. Wenn nicht, wird sie irgendwann scheitern. Aber selbst dieses Resultat sollte man abwarten. Soviel Respekt gebührt sich unter Akademikern.

Das wusste schon Helmut Kohl

Wer seine Lehrerkonferenzen an diesen drei Prinzipien ausrichtet, steigert nicht nur die Kreativität seines Lehrkörpers, sondern auch ihre Identifikation mit ihrer Schule.

Denn wichtig ist, was hinten rauskommt. Und am Ende einer Lehrerkonferenz muss etwas herauskommen. Haben Lehrer das Gefühl, dass die Lehrerkonferenz für die Katz gewesen sei, ist sie das wahrscheinlich auch gewesen. 

Eine Lehrerkonferenz hat sich erst dann gelohnt, wenn die Schule nach der Konferenz eine andere ist, als sie es davor war. Dieser Anspruch verlangt jedoch eine komplett andere Herangehensweise bei der Planung und Organisation.

Neue Wege, neue Möglichkeiten 

Lehrerkonferenzen müssen offener gestaltet werden. Sollten Sie dennoch Angst und Bammel haben, dass die administrativen Dinge in Zukunft zu kurz kommen sollten, können Sie ja immer noch einen solchen Informationsteil vorneweg platzieren. Schließlich laufen Eisläufer auch erst die Pflicht und dann die Kür. Oder gehen Sie mal ganze neue Wege. Schon mal über einen Schulleiter-Podcast nachgedacht?

Wer seine Lehrerkonferenzen für Innovation und Kreativität öffnen will, kommt zudem an einer umsichtigen Planung weiterer Organisationsfelder wie Uhrzeit, Dauer und Sitzordnung nicht vorbei. Gerade die Sitzordnung ist von zentraler Bedeutung. Stellen Sie daher sicher, dass kein Lehrer Nebenbeschäftigungen wie Korrigieren oder Zeitunglesen nachgehen kann.

Wer großen Diskussionen aus dem Weg gehen will, sollte wenigstens Raum für kleinere Diskussionen vorsehen. Pausen eignen sich hierzu ideal und haben zudem einen schönen Nebeneffekt. Denn häufig bewegen sich die Lehrer nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Schnell ändern Kollegen in einer Pause ihre Meinung oder kommen auf Ideen, die ihnen am Konferenztisch so nicht eingefallen wären.

Natürlich können Sie dem Bewegungsdrang Ihres Kollegiums auch ganz nachgeben und eine Lehrerkonferenz im Stehen oder Gehen abhalten – ja sogar gemeinsame Sportunternehmungen können wie Lehrerkonferenzen abgehalten werden...

Wir halten manchmal nicht für möglich, was alles möglich ist.

Philipp Möller: Isch geh Schule. 5Köln 2012, S.108. 

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