Jan17

Individualisierter Unterricht

Aus der Perspektive der Lehrer

Stellt sich ein Lehrer die Frage, was guten Unterricht ausmacht, so wird er nicht nur eine Antwort darauf finden. Denn guter Unterricht ist ein Ergebnis, das sich aus mehreren Faktoren speist. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch, wie sehr sich der Unterricht an jedem einzelnen Schüler orientiert.

Und gerade in dieser Hinsicht wird der Institution Schule auch im Jahr 2016 immer noch der gleiche Vorwurf gemacht: Sie berücksichtige die individuelle Entwicklung der ihr von den Eltern anvertrauten Schüler viel zu wenig. Die Schüler müssten alle im gleichen Tempo die gleiche Inhalte lernen, weswegen man sich immer noch eher am Durchschnitt der Klasse orientiere als an den persönlichen Stärken der Kinder und Jugendlichen.

Ein berechtigter Ruf nach Reformen

Da ist etwas Wahres dran. In einer Zeit, in der jeder von uns sich nach seinen individuellen Vorlieben und Stärken entwickeln will und kann, mutet Unterricht, der nicht von den Kindern ausgedacht ist, antiquiert an. Und er kann fatale Folgen haben: Denn jeder Schüler, der im Unterricht nicht Schritt hält, ist wahrscheinlich über- oder unterfordert – und meist demotiviert. In solchen Fällen ist die Aussicht auf Lernerfolg äußerst gering.

Die Forderung nach mehr Differenzierung im Unterricht ist deshalb absolut gerechtfertigt. Oder anders ausgedrückt: Die Zukunft des Unterrichts liegt in seiner Individualisierung (wenn auch nicht ausschließlich). Die Schüler unterscheiden sich nun mal in ihren Fähigkeiten, Neigungen und Interessen – nach Alter, Geschlecht oder sozialen Hintergrund.

Und was ist mit den Lehrern?

Doch damit nicht genug. Was viele vergessen: Auch die Lehrer besitzen unterschiedliche individuelle Fähigkeiten, Stärken und Interessen. Nicht erst seit der Hattie-Studie ist bekannt, welchen enormen Einfluss die Persönlichkeit der Lehrkraft auf den Lernerfolg der Schüler hat. Deshalb sollten auch Lehrer ihre individuellen Stärken im Unterricht einsetzen dürfen. Nur was bedeutet das für jede einzelne Schule?

Sie muss die Rahmenbedingungen dazu schaffen und jedem Lehrer erlauben, seine ganz persönlichen Stärken und Fähigkeiten auch voll ausspielen zu können – ein Ansatzpunkt, der selbst in der Ausbildung zukünftiger Lehrer noch viel zu kurz kommt. Denn im Referendariat dominiert häufig noch „Unterricht nach Schema F“.

Dass das so ist, erfahre ich von vielen Kolleginnen und Kollegen. So werden beispielsweise immer noch Lehrproben mit motivierenden Einstiegen, mehrfachem Methodenwechsel oder glasklarer Ergebnissicherung verlangt – gerade so, als funktioniere guter Unterricht nur dann, wenn ein ganz spezielles Raster vorliegt.

Gruppenarbeit oder Frontalunterricht?

Mit solch einer Herangehensweise wird man wohl nur schwer die Effektivität einer Lehrkraft fördern können. Vielmehr sollte man die Lehrer dahingehend unterstützen, ihre persönlichen Fähigkeiten und Stärken selbst herauszufinden und weiterzuentwickeln.

Lehrern, die guten Frontalunterricht machen, vorzuschlagen, sie sollten mehr Gruppenarbeit einsetzen, ergibt nämlich keinen Sinn. Nicht jeder Lehrer muss alles können. Wer einen tollen eigenverantwortlichen Unterricht gestalten kann, sollte das tun. Wer ein Ass im Lehrervortrag ist, sollte seine Schüler genau auf diese Art und Weise begeistern. Wir brauchen keine Universalgenies. Schluss mit der Gleichmacherei.

Jeder Lehrer sollte an seiner Schule den Unterricht machen dürfen, den er am meisten liebt und am besten kann. Und zwar ohne Angst zu haben, dass er dafür von der Schulleitung gerügt wird.

Auch das ist individualisierter Unterricht.

Bitte Kommentar schreiben

Sie kommentieren als Gast.