• Impulse für Schule & Unterricht

Jan12

Der erste Eindruck

Mancher Lehrer ist der Meinung, die erste Unterrichtsstunde in einer Klasse sei der Schlüsselmoment schlechthin für das zukünftige Verhältnis zwischen Klasse und Lehrkraft. Schließlich würden die Schüler über feine Antennen verfügen und sofort merken, welcher Typ Lehrer in die Klasse kommt. 

Die meisten Schüler, so behaupten einige Forscher sogar, wüssten bereits nach weniger als zehn Sekunden, ob der Lehrer Autorität besitzt oder nicht, ob er eine Leitfigur ist, an der man sich orientieren kann, oder eher zum Opfer nützt, dem man auf der Nase herumtanzen kann. Zudem eilen den Lehrern an Schulen oftmals Rufe voraus, die sich meistens bewahrheiten.

Die perfekte Vorbereitung

Verständlich also, dass viele Lehrer es aus diesem Grund unerlässlich finden, diese erste Unterrichtsstunde in einer Klasse penibel vorzubereiten. Dafür investieren sie ordentlich Zeit und Energie. Sie überlegen sich, was sie sagen und was sie machen werden. Nichts wird dem Zufall überlassen, auch nicht ihre nonverbale Kommunikation. Sie achten auf ihre Körpersprache und überlegen sich ganz genau, was sie anziehen.

Die erste Unterrichtsstunde ist sicherlich ein wichtiger Moment. Aber der entscheidende ist er meiner Ansicht nach nicht. Es mag zutreffen, dass es für den ersten Eindruck keine zweite Chance gibt. Aber es gibt viele Chancen für den zweiten Eindruck.

Wenn der erste Eindruck täuscht

Einverstanden, der erste Eindruck kann prägend sein, aber er ist nicht endgültig. Wenn dem so wäre, würde ich jetzt in einem anderen Auto sitzen, als in dem, das ich mir schlussendlich auch gekauft habe. Und viele Menschen hätten ihre Partner nicht geheiratet, wenn sie den ersten Eindruck für bare Münze genommen hätten.

Der erste Eindruck kann sehr wohl täuschen – auch in der Schule und auch in der ersten Unterrichtsstunde. Er ist nicht der pädagogische „point of no return“, als den viele ihn gerne bezeichnen.

Wie oft haben Sie schon Ihre Meinung über jemanden revidiert? Menschen, die wir zunächst als unangenehm wahrgenommen haben, entpuppen sich plötzlich als warmherzige und liebenswerte Menschen. Und auch der umgekehrte Weg ist möglich: Menschen, zu denen wir uns im ersten Moment angezogen fühlten, sind bei näherem Kennenlernen wahre Kotzbrocken. Beispiele, die zeigen, dass man Menschen und Dinge nicht nach dem ersten Eindruck bewerten soll.

Ein guter Eindruck kann ein Türöffner sein

Was stimmt: Ein guter Eindruck ist unerlässlich, er kann Türen öffnen und Wege freiräumen. Er ist eine riesengroße Chance. Und es ist jammerschade, wenn man ihn versemmelt. Aber dieser Zustand ist nicht endgültig. Sie haben noch unendliche viele Chancen, um Menschen einen neuen Eindruck von sich zu vermitteln.

Jeder neue Eindruck führt zu neuen Gedanken, welche ihrerseits wieder Eindrücke im Gehirn hinterlassen. Auch in den Gehirnen von Schülern. Sie brauchen sich nicht im Strom Ihres Schicksals zu ergeben. Im Gegenteil! Sie können das Ruder jeden Tag herumreißen. In jeder Unterrichtsstunde können Sie die Beziehung zu Ihren Schülern verbessern oder überhaupt erst aufbauen.

Erziehung ist Beziehung

Genau genommen zeigt dies nämlich nur, dass Sie bisher eher wenig Zeit und Kraft in die Beziehungen zu Ihren Schülern investiert haben, ganz egal ob in der ersten Unterrichtsstunde oder in den Folgestunden. Als Lehrer müssen Sie immer wieder investieren, um Ihre Beziehungen zur Klasse zu pflegen und aufrecht zu erhalten.

Zudem sollten Sie sich klarmachen, dass Eindrücke sehr subjektiv sind. Nicht jeder Schüler gewinnt in der ersten Unterrichtsstunde haargenau den gleichen Eindruck von Ihnen. Und auch Lehrer müssen ihre Eindrücke, die sie von den Schülern haben, oftmals revidieren, z.B. dann, wenn Kevin und Chantal doch fehlerfreie Aufsätze schreiben.

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