Wahrscheinlich schlagen jetzt viele Lehrerinnen und Lehrer die Hände über dem Kopf zusammen. Bloß nicht! Wo kämen wir denn da hin? Zugegeben: Hausaufgaben sind unerlässlich, weil sie die schulische Arbeit – also den Unterricht – ergänzen und der Schüler den Lernstoff dadurch einüben, vertiefen und festigen kann. Zudem sollen Hausaufgaben auch zu eigener Tätigkeit anregen.

Hausaufgaben haben also ihre Berechtigung. Deshalb verabschieden die meisten Schulen und Lehrkräfte auch reihenweise zu Beginn eines Schuljahres Hausaufgabenkonzepte, in denen sie sich auf Regelungen einigen, wie die Lehrerinnen und Lehrer mit Hausaufgaben je nach Jahrgangsstufe hinsichtlich Umfang, Art und Zeitaufwand zu verfahren haben. Dass einige Schulen dabei allerdings über das Ziel hinausschießen, kommt vor. Denn nicht selten findet man Konzepte, in denen die Dauer der täglichen Hausaufgaben in der Unterstufe auf 120 Minuten festgesetzt wird.

Theorie und Praxis  

Nun ist Papier ja geduldig. Doch unabhängig davon, ob sich die Lehrkräfte an ihren Schulen auch tatsächlich an die Vereinbarungen halten oder nicht, sind die Kinder und vor allem die Eltern meist die Leidtragenden. Denn mit den Hausaufgaben stellt die Schule vor allem eins sicher: Dass das Interesse der Eltern an der Schule erhalten bleibt.

Anders ausgedrückt: Mit solchen nett gemeinten Hausaufgabenkonzepten überträgt die Schule die Verantwortung für die Konsolidierung des Lernstoffes  in erster Linie den Eltern (besonders natürlich in den Jahrgangssstufen 1 bis 7).  Das ist – mit Verlaub – unverantwortlich. Denn viele Mütter und Väter können mit dieser großen Verantwortung nicht richtig umgehen. Konflikte sind demnach also vorprogrammiert.

Wir kennen alle aus unserer Grundschulzeit eine Klassenkameradin oder einen Klassenkameraden, der von seinen Eltern mit den Hausaufgaben regelrecht gefoltert wurde und nur selten beim Spielen dabei war. Andere Eltern hingegen entwickeln einen falschen Ehrgeiz und greifen dermaßen in die Hausaufgaben ihrer Sprösslinge ein, dass Lehrkräfte der Grundschulen und noch in der Unterstufe an weiterführenden Schulen oftmals das Gefühl haben, sie kontrollieren die Hausaufgaben der Eltern, nicht der Kinder. Ganz zu schweigen, von jenen Eltern, die den Kinder nicht helfen können.

Hausaufgaben sind richtig und falsch zugleich 

Im Grunde ist es absolut richtig, dass Lehrerinnen und Lehrer Hausaufgaben aufgeben. Falsch ist allerdings, dass wir die Hausaufgaben immer noch als „Hausaufgaben“ bezeichnen. Denn eine Frage sei an dieser Stelle doch mal gestattet: Welches Bild hat die Schule eigentlich von den didaktischen Fähigkeiten und fachlichen Kenntnissen der Eltern? Und vor allem: Welche Aussicht auf Erfolg hat eine Konsolidierung des Wissens nach 17 oder 19 Uhr? Wahrscheinlich gar keine.

Aus diesem Grund fühlen sich viele Eltern auch zu Recht zu Hilfslehrern degradiert. Und da sich viele dieser Verantwortung nicht gewachsen fühlen, delegieren sie den Job an andere: an Nachhilfeinstitute. Diese boomen, denn das Angebot regelt bekanntlich die Nachfrage.

Eltern halten den Schaden, den Hausaufgaben zu Hause anrichten, damit zwar in Grenzen, verschleiern aber in Wahrheit, wie es um sie und ihr Kind tatsächlich steht. Eine echte professionelle Förderung, welche eigentlich Aufgabe der Schule wäre, wird dadurch verhindert. Die Lehrerinnen und Lehrer können nicht mehr genau abschätzen, was die Kinder wirklich können oder was auf das Konto ihrer Eltern oder der Nachhilfelehrer geht.

Die Eltern entlasten

Deshalb sollten die Schulen die Eltern grundsätzlich aus dieser Verantwortung entlassen. Vor allem jene,  die nicht die Möglichkeit haben, ihr Kind dabei zu unterstützen. Damit würden wir  im deutschen Bildungssystem endlich mal einen wertvollen Beitrag leisten, dass der schulische Erfolg nicht mehr so sehr von den sozialen Startbedingungen abhängt.

Die Verantwortung in Punkto Hausaufgaben sollte stattdessen auf den Schultern der Schülerinnen und Schüler ruhen – natürlich unter Berücksichtigung ihres Alters. Vom ersten Schultag an sollten die Kinder lernen, bezüglich ihrer Hausaufgaben Verantwortung übernehmen. Mit jedem Schuljahr werden sie dadurch selbständiger – genau das, was sich   Lehrkräfte und Eltern doch so sehr wünschen.

Hausaufgaben abschaffen?

Hausaufgaben in ihrer bisherigen Form sind kontraproduktiv – ja, sie sind sogar wahre Lernkiller. Wer sich nach sechs oder acht Stunden Unterricht noch mit mehreren Hausaufgaben im Schulranzen nach Hause schleppen muss, empfindet weder intrinsische noch extrinsische Motivation am Lernen. Vor allem, wenn man nebenbei auch noch für Klassenarbeiten und Klausuren lernen muss.

Es ist sowieso erstaunlich, wie viele Schülerinnen und Schüler diesem Druck täglich standhalten. Denn in ihrer jetzigen Praxis fördern Hausaufgaben vieles, nur nicht den Lernerfolg. Das belegen mittlerweile sogar mehrere Studien. Also warum nicht die Hausaufgaben, so wie sie in der jetzigen Form praktiziert werden, einfach abschaffen? Und neue Wege gehen.

Zwei Gewinner des Deutschen Schulpreises 2015 haben einen solchen Weg schon längst beschritten. Und der Erfolg scheint ihnen Recht zu geben: Die Klosterschule Hamburg und die Gesamtschule aus dem Wuppertaler Stadtteil Barmen haben Hausaufgaben in ihrer jetzigen Form quasi abgeschafft.

Übung macht die Schule!

Oder besser gesagt: Geübt wird in der Schule. Statt Hausaufgaben gibt es z.B. an der Gesamtschule Barmen für die Klassen 5 bis 8 sogenannte „Arbeitsstunden“. Diese sind nicht einfach an den Unterricht drangehängt worden wie an den meisten Ganztagesschulen oder Schulen mit offenem Ganztagesangebot, sondern finden zur besten Zeit des Tages statt: etwa gegen 10.30 Uhr. Dann treffen sich die Schülerinnen und Schüler, um 65 Minuten lang konzentriert zu arbeiten und gelerntes Wissen zu vertiefen – und das gleich zwei- bis dreimal die Woche. Hilfestellung geben die Klassenlehrer.

Ist dieses Konzept nicht das, was Hausaufgaben bisher immer vorgetäuscht haben zu sein Denn zweifelsfrei ergänzt eine solche Art und Weise des Umgangs mit dem Lernstoff die schulische Arbeit – also den Unterricht. Die Schülerinnen und Schüler üben Lernstoff dadurch sorgfältig ein, vertiefen ihn und konsolidieren ihr Wissen – unter fachmännischer Anleitung!

Dieses Prinzip kommt allen zu Gute. Die Schülerinnen und Schüler steigern ihren Lernerfolg und reifen zu selbstständigen und verantwortungsbewussten jungen Erwachsenen heran. Und auch in vielen Familien entspannt sich das Leben. Eltern haben auf einmal wieder mehr Zeit für ihre Kinder, selbst nach einem anstrengenden Arbeitstag. Und die Eltern haben auch wieder mehr Zeit für sich. Vorbei die Diskussionen, wer Mathe und wer Latein mit den Kindern paukt. Was gerade die Schule in Wuppertal macht, ist eine Wohltat für die Erziehungsarbeit der Eltern und hätte weit mehr verdient als „nur“ den Deutschen Schulpreis. Die Eltern können sich wieder vollends auf das Erziehen konzentrieren und müssen nicht Feuerwehrmann oder -frau vor Klassenarbeiten spielen.

Entspannte Kinder, entspannte Eltern

Viele belastende Situationen fallen dadurch weg. Das wirkt befreiend, weil der Druck, der auf den Eltern lastet, nicht mehr an die Kinder weitergegeben wird. Läuft in der Schule etwas schief mit dem Einüben des Lernstoffes, übernimmt erst einmal die Schule die Verantwortung und informiert die Eltern, die dann auf ihre Kinder immer noch einwirken können.

Und auch die Kinder und Jugendlichen atmen auf. Endlich wieder mehr Freizeit statt 40- oder 50-Stunden-Wochen. Endlich wieder Sport treiben, statt ständig vor den Lehrbüchern zu hocken. Das freut nicht nur die Eltern, sondern auch die vielen Sport- und Freizeitvereine, Klavierlehrer und Ballettlehrerinnen.

Sicherlich wird niemand jemalss Eltern verbieten können, weiterhin ihre Kinder anzuspornen, gute schulische Leistungen zu vollbringen. Ob die Mädchen und Jungen dadurch aber irgendwann von selbst Verantwortung übernehmen und dazu noch ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln, sei mal dahingestellt. Überbehütung richtet Schäden an. Und Helikoptereltern zu sein, ist kein Imagegewinn.

Wer als Eltern Verantwortung übernehmen will, soll das auch tun und sich engagieren. Auch hier kann man von der Gesamtschule Barmen in Wuppertal lernen. Dort können die Eltern, die unbedingt etwas Gutes für ihre Kinder machen wollen, das auch tun. Sie dürfen an der Schule Kurse geben, Sportgruppen leiten oder Aufsicht führen. Ob man es glauben mag oder nicht: von 55 Arbeitsgemeinschaften wird gut ein Drittel von Eltern betreut.

Sollte uns das nicht zu denken geben?