Frau Müller kommt aufgelöst ins Lehrerzimmer und sucht Rat bei ihrem Kollegen, Herrn Schulz: „Ich hatte gerade ein unangenehmes Elterngespräch. Die Eltern einer Schülerin aus meiner 5.Klasse haben mich für die schlechte Note ihrer Tochter in der letzten Klassenarbeit verantwortlich gemacht, weil ich anscheinend gesagt hätte, dass die Primzahlen nicht drankommen.“ – „Ha“, lacht Herr Schulz auf, „meine Sechstklässler haben die Primzahlen bis heute noch nicht verstanden. Aber wie WhatsApp funktioniert, das wissen sie alle…“

Frau Müller versteht nach dieser Reaktion von Herrn Schulz die Welt nicht mehr. Sie wollte keinen Smalltalk betreiben, sondern hat ein Gespräch gesucht, das ihr wichtig war. Zudem hatte sie ein konkretes Ziel: Sie wollte ein Feedback haben. Verständlich, wenn man gerade für das Versagen einer Schülerin persönlich verantwortlich gemacht wurde. Ungeachtet dessen, ob Frau Müller einen Fehler begangen hat oder nicht, will sie von Herrn Schulz nichts weiter als einen Ratschlag oder aufmunternde Worte. Doch daran denkt ihr Kollege nicht einmal. Schlimmer noch – Herr Schulz tut etwas, was mittlerweile auf jedem Kinderspielplatz, in vielen Klassenzimmern und leider auch viel zu häufig in den Lehrerzimmern dieser Republik gang und gäbe ist: Er entert das Gespräch.

Eine Unsitte, die langsam Normalität wird

Herr Schulz würgt das eigentliche Thema von Frau Müller einfach ab und lenkt stattdessen die Konversation auf etwas Neues – nämlich auf sein Thema. Ganz schön dreist! Vor allem, wenn hinter dieser Strategie auch noch System steckt. Denn so wie Herr Schulz ticken ganz viele Menschen. Das einzig Gute daran ist jedoch, dass man diese Gesprächspiraten leicht entlarven kann, denn diese Menschen sind Wiederholungstäter.

Man erkennt sie z. B. daran, dass sie mit Vorliebe ein Wort aus dem Gespräch aufgreifen und es in einen neuen Kontext einordnen, so wie Herr Schulz das mit den Primzahlen gemacht hat. Oder das Thema wird einfach mit einer anderen Situation verglichen. Erzählen Sie z. B. von einer interessanten Theaterinszenierung, die Sie gerne weiterempfehlen würden, schließen sich daran nicht selten ausgiebige Schilderungen von eigenen Erlebnissen aus Kino, Theater, Musical oder Oper an. Auch Termine sind sehr beliebt: „Nächsten Freitag ist schon Wandertag“ – „Stimmt und am Mittwoch muss ich zum Zahnarzt. Wurzelbehandlung.“ Aha.

Am respektlosesten ist jedoch der komplette Themenentriss. In diesem Fall kapert der Gesprächspartner nicht nur das Thema, sondern dreht es auch noch in eine komplett andere Richtung. „Ich unterrichte in diesem Jahr nur sehr wenig Sport.“ – „Und ich würde Germanistik kein zweites Mal studieren. Wenn mir mal jemand das mit den vielen Korrekturen früher gesagt hätte…“

Wenn die Welt ums Ego kreist

Welchem Schlag gehören solche Menschen an? Meist haben wir es wohl mit Egozentrikern zu tun – mit Leuten, die die Welt nur aus ihrer eigenen Perspektive wahrnehmen und denen die Belange ihrer Mitmenschen herzlich egal sind. Denn Egozentriker gehen nur von sich aus. Was anderen wichtig ist, erkennen sie nicht. Ein klarer Fall von Narzissmus und Selbstsucht der übelsten Sorte. Wer so stolz auf sich selbst ist, strotzt nur so von Mitteilungsdrang.

Oder es sind Menschen, die ihr (Fehl-)Verhalten einfach nicht bemerken. In jedem Fall sollte man sie ansprechen und sie darauf hinweisen, dass sie sich gerade des Gesprächsthemas bemächtigt haben. Wird das Fehlverhalten eingesehen, steht einer Konversation auf Augenhöhe in Zukunft nichts im Wege. Zeigen sie sich jedoch uneinsichtig, können Sie davon ausgehen, dass Sie mit einem handfesten Egozentriker sprechen. Und den sollten Sie am besten so schnell wie möglich über Bord werfen…