In seinem Buch „Die Kunst des klugen Handelns“ schreibt Rolf Dobelli: „Einfachheit ist der Endpunkt eines langen beschwerlichen Weges, nicht der Ausgangspunkt.“ (S.27)

Genau das gilt auch für (Lehrer-)Fortbildungen. Einfachheit steht bestenfalls an ihrem Ende. Im Idealfall vereinfacht die Schulung bzw. das Training den Lehrerinnen und Lehrer früher oder später das Leben. Weil sie neues Wissen erhalten haben und zu neuen Einsichten gekommen sind. Weil sich ihre Motive, Erwartungen oder Werte verändert haben oder sie ihre Gedanken aus anderer Perspektive betrachtet haben. 

Doch so manche Lehrerinnen und Lehrer machen genau das Gegenteil. Sie setzen sich in die Fortbildung und erwarten, dass die kommenden Stunden genauso einfach und locker werden wie ein gemütliches Kaffeekränzchen am Sonntagnachmittag. Niemand soll dem anderen wehtun. Jeder soll sich wohlfühlen – am besten wie zuhause! Deshalb packen sie auch meist ihr Handy auf den Tisch und texten ohne schlechtes Gewissen mit Ihren Kolleginnen und Kollegen oder mit ihrer Partnerin bzw. ihrem Partner. Dann checken sie noch kurz Emails, lesen Nachrichten, scrollen durch ihre Timeline. En passant trinken sie Tee, schlürfen Wasser und machen Brotzeit. Fragt man sie nach ihrer Meinung, kommen sie nicht mit sachlichen Argumenten, sondern plaudern ohne Zusammenhang aus dem Nähkästchen – meist von ihren Unterrichtserfolgen und glorreichen pädagogischen Taten. 

Selten habe ich eine Referentin oder einen Referenten erlebt, die bzw. der diesen Damen und Herren mal flott den Wind aus ihren Plappersegeln genommen hätte. Stattdessen werden meist noch Samthandschuhe und Watte ausgepackt. Selber schuld, wenn man diese Spielchen mitspielt. 

Friede, Freude, Fortbildung

Die Krönung aber ist, wenn die größte Labertasche im Seminarraum die Referentin oder der Referent selbst ist. Vom Rednerpult wird dann meist ein Schwarm an warmen Worten und Anekdoten ausgesendet, der um die Gunst der Anwesenden buhlt.

Statt Fakten, Ideen oder Impulse methodisch bzw. didaktisch an Mann oder Frau zu bringen, soll vor allem Harmonie im Seminarraum herrschen. Ein jämmerliches Spiel, das meist abseits der Veranstaltung fortgeführt wird: Man stimmt den weiteren Verlauf und die Pausen mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ab, verabredet sich noch gleich zum gemeinsamen Mittagessen oder tauscht bei mehrtägigen Veranstaltungen private Geschichten oder sonstige Nettigkeiten bei einem Bierchen oder einem Glas Wein aus. Kein Sinn mehr für Nähe und Distanz, was auch für die Damen und Herren Lehrkräfte aus dem ersten Beispiel gilt.

Finden solche Harmoniesüchteleien statt, ist nur eines gewiss: Lernen tut man in solchen Fortbildungen nix! Denn solche Menschen besuchen oder geben Fortbildungen aus dem gleichen Grund, aus dem der britische Skispringer Michael Edwards alias Eddie the Eagle an den Olympischen Spielen 1988 in Calgary teilnahm: Dabei sein ist alles!

Formieren, gestalten, verfestigen 

Dabei sollte ein Blick auf das Wort Fortbildung genügen. Bilden bedeutet nahezu das Gleiche wie gestalten oder formen. Die Vorsilbe fort, zeigt lediglich die Richtung dieses Prozesses an. Weg vom Status quo! Lehrkräfte, die Fortbildungen besuchen – und ja auch besuchen müssen – sollten eigentlich ein ernsthaftes Interesse an ihrer eigenen „Weitergestaltung“ haben.

Und Referentinnen und Referenten, die Fortbildungen anbieten, sollten sich das Ziel stecken, Menschen Wissen und Inhalte an die Hand zu geben, mit denen sie diesen Gestaltungsprozess weiter beschreiten können. Es geht also um Denkanstöße zur Veränderung des eigenen Seins, um Innovation und Wachstum. Und nicht um ein fertig durchdachtes und einsetzbares Unterrichtskonzept.

Wenn gute Gefühle aber ausreichend sein sollten, sei die Frage erlaubt, wieso das Internet, der Hybridmotor oder das Smartphone nicht schon viel früher erfunden worden sind? Innovation braucht anscheinend Zeit und Kraft. Ohne Investition und Tatkraft gelingt Innovation anscheinend nicht. Wieso sollte das bei einer Lehrerfortbildung anders sein?

Mit der richtigen Einstellung

Deshalb sollte die Einstellung aller Beteiligten stimmen. Bin ich ein Teilnehmer einer Lehrerfortbildung, muss ich die feste Absicht haben, auch tatsächlich etwas lernen zu wollen. Ich muss bereit sein, mich konstruktiv mit dem Wissen und den Inhalten, in denen die Referentin oder der Referent einen Wissensvorsprung hat, auseinanderzusetzen.

Lehrkräfte, die sich mit ihren Smartphones in Fortbildungen hocken oder nebenbei korrigieren, haben diesen Willen bestimmt nicht. Ich würde mich nicht wundern, wenn ihre Schüler nicht genauso auch in ihrem Unterricht sitzen würden.

Provokante Thesen und neues Wissen können zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit anderen Lehrkräften oder der Referentin bzw. dem Referenten führen – darüber sollte sich jeder im Klaren sein. Das kann die Stimmung im Seminarraum kurzfristig kontrovers werden lassen. Doch langfristig ist der Nutzen von solchen Fortbildungen nicht zu unterschätzen. Wer in einer Fortbildung ins Denken kommt, wird eigene klare Gedanken entwickeln, Position beziehen und selten dabei ins Plappern kommen. Denn Geplapper maskiert das Nichtwissen.

Mark Twain sagte einmal: „Wenn du nichts zu sagen hast, dann sag auch nichts.“

Wie recht er hatte.