Es ist zum Haareraufen. Da kündigt eine deutsche Großstadt eine beispiellose Schulbauoffensive an und bedenkt ausgerechnet bei einem ihrer Prestigeprojekte die Folgen der architektonischen Planung nicht hinreichend genug. Und das, obwohl die neue Turnhalle einer Grund- und Mittelschule eigentlich genau das erfüllt, was man sich ursprünglich erhofft hatte: eine originelle Lösung, wie man in Zeiten von Platzmangel eine Sportstätte und dringend benötigten Unterrichtsraum schaffen kann.

In der Tat ist die Idee wirklich genial und erinnert ein wenig an den weltweit für Aufsehen erregenden Bau eines Kindergartens in Japan. Im Obergeschoss einer Turnhalle werden Unterrichts- bzw. Horträume angelegt, in denen bis zu 100 Kinder betreut werden können. Als Freifläche wird das Hallendach ausgewählt. Hier sollen die Kinder nach dem Unterricht spielen und toben. Doch wie das konkret geschehen soll, daran haben die Planer nicht wirklich gedacht.

Stattdessen haben sie die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler mitsamt ihren Lehrkräften und Erziehern einfach ein Stück weit ignoriert. Nicht nur, dass sich die Pflanzentröge, die eigentlich Sitzgelegenheiten bieten sollten, bei sommerlichen Temperaturen derart stark erhitzen, dass sich niemand mehr auf sie setzen kann; ist es aus statischen Gründen verboten, einen Sandkasten aufzustellen. Auch das eigenhändige Bepflanzen der Fläche nach pädagogisch sinnvollen Aspekten (wie z. B. Pflanzen, Obst, Gemüse, Kräuter) ist untersagt. Stattdessen ziert eine spezielle Grassorte die Fläche.

Ein Einzelfall? 

Natürlich ist es ärgerlich, dass man sich in diesem Beispiel bei der Gestaltung der Spielfläche nicht an den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler orientiert hat. Stattdessen erinnert die Freifläche des Hortes eher an die mittlerweile überall wie Pilze aus dem Boden schießenden Ruhezonen und Wellness-Parks für gestresste Angestellte.

Doch ein Einzelfall ist dieses Beispiel nicht. Immer wieder führen Planungen zu unerwarteten und unerwünschten Folgen. Dabei ist es unerheblich, ob wir etwas komplett Neues planen oder an bestehenden Konzepten Veränderungen – sprich Optimierungen – vornehmen. Immer tritt etwas ein, an das wir nicht gedacht haben, das wir schlichtweg nicht auf dem Schirm hatten.

Dieses Phänomen lässt sich überall beobachten, nicht nur bei architektonischen Vorhaben. Auch in Schulen, Betrieben oder Unternehmen führt die Umgestaltung von internen Abläufen und Verfahren zu unerwarteten Konsequenzen. Davor sind auch Behörden nicht gefeit. Und ich gehe jede Wette ein, dass auch bei den derzeit einsetzenden Prozessen der Digitalisierung nicht alles auf Anhieb so klappen wird, wie man sich das in der Theorie vorstellt.

Wie ist das zu erklären? 

Die Antwort mag recht simpel erscheinen. Der Weg von der Gegenwart in die Zukunft verläuft nun mal in den seltensten Fällen linear. Allerdings gehen wir bei der Planung und Konzeption genau davon aus. Deshalb stellen wir uns unsere ausgetüftelten Konzepte, optimierten Prozesse und vereinfachten Abläufe immer genauso vor, wie sie im Idealfall abzulaufen haben. Die Folgen, die wir erwarten, sollen eintreten und treten auch häufig ein. Das, was wir uns jedoch nicht vorstellen konnten, was eintreten könnte, ignorieren wir.

Und so passiert allerhand, was eigentlich laut Planung und Konzeption so nicht hätte passieren dürfen: Selbstfahrende Autos verursachen einen Unfall. Eine neue Software zur Abrechnung von Reisekosten verkompliziert das Verfahren unnötig, sodass viele Menschen wochenlang auf ihr Geld warten müssen. Bürokratische Maßnahmen zur schnelleren Bearbeitung von Asylanträgen ermöglichen, dass ein deutscher Staatsbürger, der sich als Syrer ausgibt, als Asylbewerber registriert wird. Ein Hort bekommt eine Dachfreifläche, die die Lebenswirklichkeit der Kinder mehr ignoriert als achtet. Alles Folgen, die wir so nicht erwartet haben.

Es gibt nicht nur eine Zukunft 

Eine Erklärung für dieses Phänomen der „alternativen Folgen“ liegt sicherlich in unserem Denken. Natürlich stellt das Planen, Konzipieren, Optimieren und Transformieren von Prozessen und Projekten eine divergente Denkleistung dar, bei der viele Möglichkeiten und Alternativen in Gedanken durchgespielt werden. Und dennoch stoßen wir auch bei diesen gedanklichen Um- oder Irrwegen immer wieder an Denkgrenzen, an denen wir wieder zum konvergenten Denker werden.

Ein Feld, auf dem sich solche Denkgrenzen besonders hartnäckig halten, sind nun mal die unerwarteten Folgen. Sie werden meist nicht mehr bis ins kleinste Detail durchdacht, weil man sich zuvor schon zu einem Ergebnis durchgerungen hat, das man bei den erwarteten Folgen für gut befunden hat. Sich jetzt noch einmal auf die unerwarteten Folgen zu konzentrieren, würde noch einmal zusätzliche Kraft und Energie kosten.

Diese Haltung mag auf den ersten Blick durchaus verständlich sein. Doch die eine Zukunft gibt es nicht. Divergent zu denken, bedeutet auch, sich verschiedene Zukunftsszenarien vorzustellen und sich nicht nur die eine Zukunft in den schönsten Farben auszumalen. Deshalb sollte man den Aufwand nicht scheuen, noch einmal andere Möglichkeiten ins Auge zu fassen: Welche Schwierigkeiten könnten auftreten? Wem könnte diese Planung schaden? Wann könnte dies eintreten?

Was passiert, wenn der Mensch sich nicht mehr der Kontrolle über das selbstfahrende Auto bemächtigen kann? Welche Folgen hätte ein Programmierfehler bei der neuen Reisekostenabrechnungssoftware für die Menschen, außer dass sie wochenlang auf ihr Geld warten müssen? Könnte es sein, dass sie Dienstreisen zunehmend ablehnend gegenüberstehen? Wie könnte jemand die Trennung von Anhörung und Entscheidung beim Asylantrag für terroristische Zwecke ausnutzen? Was passiert, wenn Temperaturen von 30 Grad auf die Dachfreifläche des Hortes einwirken?

In die Zukunft zu gehen, bedeutet, Umwege zu gehen. Am besten so früh wie möglich.