Kennen Sie das Gefühl, sich wieder einmal in die Ferien gerettet zu haben? Manche Lehrkräfte pflegen dies regelmäßig zu tun. Sie versinken zwischen den letzten und den nächsten Ferien regelmäßig im Stress des Schulalltags.

Nun gibt es sicherlich Kolleginnen und Kollegen, die die Ferien bevorzugen, um endlich mal in Ruhe korrigieren zu können oder das weitere Schuljahr zu durchdenken und die nächsten Unterrichtseinheiten vorzubereiten. Schließlich ist es jedem selbst überlassen zu entscheiden, wie man seine unterrichtsfreie Zeit gestalten möchte. Nur wer tatsächlich meint, dass er sich in die Ferien rettet, sollte hellhörig werden.

In der Gefahrenzone

Unsere Sprache verrät uns. Wer sich retten muss, befreit sich aus einer Gefahr. Und diese wäre nichts anderes als das tagtägliche Kerngeschäft unseres Berufs. Wenn ich mich aus meinem Arbeitsalltag in Sicherheit – also in die Ferien – bringen muss, sollte ich dringend mal überprüfen, weshalb ich mich in einer Gefahrenzone bewege.

Dahinter stecken immer mehrere Gründe. Natürlich kann ein schlechtes Zeitmanagement dafür verantwortlich sein, dass sich der erste Tag nach den Ferien genauso anfühlt wie der letzte Tag vor den Ferien. Doch die eigentliche Triebfeder des Gefühls, ständig im Schulalltag zu versinken, verbirgt sich häufig viel weiter dahinter, nämlich in einer Eigenschaft, die bei Lehrerinnen und Lehrern gar nicht selten ist: Perfektionismus.

Das Referendariat wirkt nach

Gerade weil wir unsere Tätigkeit vor anderen Menschen ausüben, wollen wir sie natürlich nicht enttäuschen. Deshalb vertrödeln wir enorm viel Zeit mit unwichtigen Details und erstellen z.B. mehrere Versionen eines Tafelbildes, bis es endlich perfekt scheint.

Finden wir unmittelbar vor Stundenbeginn noch auf dem selbst erstellten Arbeitsblatt (denn das aus dem vergangenem Schuljahr war uns nicht mehr gut genug) einen unscheinbaren und irrelevanten Fehler, wird das Dokument schnell noch ein weiteres Mal überarbeitet, auch wenn wir den Kopienstapel für die Klasse schon längst in der Hand halten.

Wir erledigen Dinge, die aus der Sicht unserer Schülerinnen und Schüler keinen bedeutsamen Nutzen oder relevanten Mehrwert besitzen. Doch woher kommt diese Einstellung bloß? Richtig. Mal wieder trägt das Referendariat eine Mitschuld. Schließlich mussten wir ja unseren Seminarlehrkräften beweisen, dass wir nahezu perfekte Lehrkräfte sind. Unsere Lehrproben waren deswegen auch durchdacht bis ins kleinste Detail, nichts sollte dem Zufall überlassen werden, kein Fehler sich im Tafelbild oder auf Arbeitsblättern finden lassen. Damals hatte das Ganze noch einen Sinn – heute definitv nicht mehr.

Perfektion und Prokrastination

Wir setzen nämlich die falschen Prioritäten. Das führt unweigerlich dazu, dass wir mehr arbeiten, als wir müssten. Der Preis, den wir dafür zahlen, ist hoch: Er kostet uns nämlich unsere Lebenszeit. Unweigerlich werden dadurch Aufgaben verschoben. Aufschieberitis ist per se noch nicht schlimm. Doch rücken die Termine für die Erledigung dieser Aufgaben näher, verwandelt sich unser Sinn für Perfektion in ein blankes Schreckensszenario. Wir geraten unter Druck und haben das Gefühl unterzugehen.

Dabei spielt sich Perfektionismus hauptsächlich in unseren Gedanken ab. Wir stellen uns die Unterrichtsstunde perfekt vor und sitzen dann stundenlang daran, sie auch genauso perfekt vorzubereiten. Die Erwartungen sind dementsprechend groß – wie auch die Enttäuschung, wenn die Unterrichtsstunde in der Klasse dann doch daneben geht. Perfekt zu sein, ist eben nicht einfach. Perfekt zu sein, ist unmöglich.

Niemand ist perfekt!

Um es nochmal auf den Punkt zu bringen: Die perfekte Unterrichtsstunde gibt es nicht! Auch nicht die perfekte Korrektur. Und schon gar nicht die perfekte Lehrerin oder den perfekten Lehrer.

Perfektionismus ist keine gute Eigenschaft. Er hält uns davon ab, im Leben und in der Schule weiterzukommen. Eine starke Lehrkraft verfügt von sich aus über eine gesunde Selbstwirksamkeit und erhebt keinen Anspruch auf Perfektion. Weder in Hinsicht auf ihre eigene Person noch auf das Handeln und Wesen ihrer Schülerinnen und Schüler.

Wenn Sie also wissen, dass Sie ein Perfektionist sind, nehmen Sie sich in den nächsten Ferien vor allem genügend Zeit, um darüber zu schmunzeln.

Weiterführende Links

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