Aus dem Schulalltag sind Lehr- und Schulbücher nicht wegzudenken, denn sie gehören an den meisten Schulen genauso zum Unterricht dazu wie Schüler und Lehrer. Und doch lohnt mal ein anderer Blick auf diesen ständigen Begleiter im Unterricht.

Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie wir sind.

Schulbücher machen genau das Gleiche. Sie verraten uns nicht, wie die Welt ist, sondern wie ihr Verlag, in dem sie erscheinen, und die Leute, die sie machen, die Welt sehen. Viele Schulbücher sehen die Arbeitswelt nur aus der Perspektive des Angestellten und Beamten.

Wie sich jemand heutzutage selbstständig machen oder ein Online-Business aufbauen kann, verschweigen sie, weil die Menschen, die im Bildungssystem arbeiten und die Lehrpläne erstellen, die Strukturen und Bedingungen der freien Wirtschaft kaum kennen. Auch die Übungen in den Mathematikbüchern sind meist derart kompliziert konstruiert, dass Schüler keinen Bezug zu ihrer eigenen Lebenswelt herstellen können.

Ebenso wird an vielen Schulen nicht Geschichte, sondern Geschichtswissenschaft unterrichtet. Die Schüler müssen Fakten lernen, Quellenkritik können und wichtige Forschungsmeinungen kennen, aber die Geschichten hinter der Geschichte bleiben ihnen verschlossen. Wieso werden im Fach Deutsch zur Gegenwartliteratur z.B. nur Texte gelesen, die in den Kreisen des Bildungssystems Akzeptanz gefunden haben? Warum finden wir in den Schulbüchern Abdrucke der Texte von Günter Grass, Uwe Tellkamp oder Ingo Schulze? Wo sind die Texte von Cornelia Funke? Warum lesen wir in Schulen keine Fantasyromane? Warum analysieren wir Lyrik und lassen Poetry Slam links liegen? Weshalb sehen Schulbücher in Facebook, Twitter & Co immer nur Gefahren und nie Chancen?

Eine selektive Wahrnehmung

Weil unsere Schulbücher uns nur einen Teil der Welt zeigen. Sie bieten uns eine Vorauswahl von Inhalten, die Lehrer unterrichten und die Schüler lernen sollen. Anders ausgedrückt: Unser Unterricht folgt aus unseren Schulbüchern. Sie sind wie eine Brille, durch die wir auf die Welt blicken.

Deshalb sollten wir Lehrkräfte uns bewusst machen, dass Schulbücher nichts weiter als eine mögliche Selektion darstellen. Da hat sich schon jemand Gedanken darüber gemacht, wie wir Lehrkräfte den Lehrplan am besten unterrichten können. Was Kinder und Jugendliche ihrer Ansicht nach heute wie lernen sollten, bekommen wir ungefragt übergestülpt – eine Perspektive, die wir so selbst wahrscheinlich nie eingenommen hätten. Aber da das Buch schon mal da ist…

Konsument statt Produzent

Darüber hinaus haben Schulbücher noch einen weiteren Nachteil: Sie machen faul. Sie machen uns Lehrer faul, denn wir brauchen nicht mehr unbedingt darüber nachzudenken, was wir zu dem Thema im Unterricht behandeln wollen. Die Auswahl ist bereits getroffen. Sicher kann man immer noch weitere Aspekte auf Kopien austeilen, aber das ist in Zeiten von Umweltschutz und Kosteneinsparungen nicht gewünscht.

Und Schulbücher machen auch die Schüler faul. Sie müssen sich die Themen nicht selbst erschließen, die Definitionen sind vorformuliert, die Aufgaben vorgedruckt. Man muss sie nur noch bearbeiten. Andere Gedanken, die man während des Lesens von Molières „Malade imaginaire“ oder beim Erlernen des Satzes von Thales noch haben könnte, sind nicht gewünscht. Dafür ist auch gar keine Zeit. Schulbücher drücken aufs Tempo und laden selten zum kreativen Schaffensprozess ein, sich das Wissen selbst zu erarbeiten. Stattdessen fördern sie die Passivität.

Die Möglichkeiten wiederentdecken

Dabei wäre es doch spannend zu erfahren, wie sich die Schüler gewisse Inhalte eigenmächtig erschließen würden. Warum trauen wir ihnen so wenig zu? Ohne Schulbuch zu arbeiten, würde die Lust auf das Entdecken fördern. Jede Schülerin und jeder Schüler könnte sich individuell an das Thema heranwagen. Wir brauchen uns nicht zu wundern, dass wir nach Individualisierung und Differenzierung schreien und Gleichmaß ernten. Kein Wunder, dass uns die Schüler in den Klausuren und Prüfungen immer nur das Gleiche – ja sogar die gleichen Fehler – hinschreiben oder in Diskussionen denselben Standpunkt wie wir Lehrkräfte vertreten.

Wer andere Sichtweisen einnimmt, übernimmt auch andere Sichtweisen. Er denkt anders, er wird anders. Was für eine Bereicherung! Für die Schule und das Leben.