Wirft man dieser Tage einen Blick in die Zeitungen, gewinnt man den Eindruck, dass die Schul- und Bildungspolitik in Deutschland derzeit einer riesigen Baustelle gleicht. Wo man hinblickt, wird umgebaut, reformiert und gegenreformiert: G8 oder G9? Inklusion mit oder ohne Förderschulen? Abitur für alle oder nur für die Elite? Zentralabitur oder nicht? Fragen über Fragen, die Bildungspolitiker sowie Bildungsforscher scheinbar nur schwer beantworten können. Weil sie etwas völlig übersehen haben – nämlich den Schüler.

Ständig lese ich, dass unser Bildungssystem ein Konstrukt des 19. Jahrhunderts ist und daher schon längst reformiert, wenn nicht gar ganz abgeschafft gehört. Mit Verlaub: Unser Denken darüber ist fast genauso angestaubt. Ständig denken wir Schul- und Bildungspolitik in Deutschland vom System aus. Die einzelne Schülerin und der einzelne Schüler spielt dabei meist keine Rolle.

Wir denken immer noch vom System aus

Bestes Beispiel: Die PISA-Studie. Seit dem sogenannten PISA-Schock von 2001, der Veröffentlichung der Ergebnisse der ersten PISA-Studie, sind mittlerweile mehr als 15 Jahre vergangen. 15 Jahre, in denen sich die Verantwortlichen der OCED fast ausschließlich für die rein kognitiven Leistungen der 15-Jährigen in ausgewählten Fächern interessiert haben. Sozialverhalten, unternehmerisches Denken und Kreativität interessieren sie bis heute nicht. Erst in der letzten Erhebung 2015 fragte man endlich mal nach dem Wohlbefinden der Jugendlichen, wie es ihnen eigentlich in der Schule so geht. Bis dahin waren die Schüler lediglich Testkandidaten für Studienzwecke.

Seit 2001 wurde Reform um Reform über das deutsche Schulwesen ausgegossen – zum Leidwesen der Schulleitungen und Lehrkräfte, die das Ganze ausbaden durften. Die Zeit, sich mit ihren Schülerinnen und Schülern wirklich zu beschäftigen, um qualitativ hochwertige Beziehungen mit ihnen zu knüpfen, wurde dabei immer knapper. Ein weiterer Beweis dafür, dass bei diesen Reformen meist das System im Vordergrund stand.

Dabei sollte das Schulsystem primär für die Schüler da sein. Dass das nicht stimmt, davon kann jeder Schüler allein schon ein Lied singen, der mal von einem Bundesland ins andere umgezogen ist. Selbst Abiturienten, die zum Studium in ein anderes Bundesland gehen, machen die Erfahrung, dass ihr Abitur nicht überall gleich viel wert ist.

Die deutsche Bildungspolitik ist chaotisch. Daran mag der Föderalismus seinen Anteil haben. Das Risiko, dass diese Uneinheitlichkeit uns in den kommenden Jahren erhalten bleibt, ist groß. Gerade deshalb brauchen wir ab sofort Reformen, die sich stärker an den Schülerinnen und Schülern sowie deren Entwicklung orientieren.

Die Schülerinnen und Schüler gehören in den Mittelpunkt!

Schulen müssen von den Kindern her gedacht werden und nicht primär vom System. Doch genau das Gegenteil passiert derzeit. Statt den Schüler in den Mittelpunkt von Schulentwicklung und Bildungspolitik zu stellen, geht es fast durchwegs um politische Machtkämpfe und Ideologien: Sollen möglichst viele Schülerinnen und Schüler das Abitur machen oder soll das Gymnasium weiterhin als Eliteschule erhalten bleiben? Sollen die Schüler Kompetenzen oder Fähigkeiten haben? Soll digital unterrichtet werden oder nicht?

Es ist an der Zeit, dass wir endlich die Perspektive wechseln lernen und Bildungspolitik sowie Schulentwicklung vom Kind bzw. vom Schüler aus denken. Was macht denn aus der Perspektive der Schülerinnen und Schüler mehr Sinn?

Würden Schülerinnen und Schüler nicht ständig und automatisch den Schulen zugeführt werden, würden sich Lehrkräfte, Elternverbände, Schulleitungen, Bildungspolitiker und Bildungsforscher diese Frage wohl öfter stellen.

Dass Schüler aber ständig an den Schulen verfügbar sind, heißt noch lange nicht, dass wir ihre Bedürfnisse einfach so außer Acht lassen dürfen. Schließlich wollen wir alle doch, dass sie die Schule nicht nur mit einem Abschluss, sondern auch mit einem gesunden Selbstwertgefühl und einer positives Schulerfahrung verlassen.

Weiterführende Links

Müde Schüler am Nachmittag 
Woran man eine gute Schule erkennt
Schulentwicklung – Beratung für Schulen
Lehrerfortbildung zum Thema Schulentwicklung
Eine Schule leiten, Menschen führen – Coaching für Schulleitungen