Vor ein paar Tagen saß ich während der Fahrt mit dem Bus von Berlin nach München neben einem jungen Mann, der mir unfreiwillig demonstrierte, was passieren kann, wenn man keine klaren Prioritäten setzt.

Gleich nachdem der Bus den zentralen Busbahnhof verlassen hatte, kramte mein Sitznachbar nämlich ein Taschenbuch von Paul Watzlawick aus seinem Rucksack hervor. Offenbar wollte er lesen, hielt zugleich aber noch sein Smartphone in der Hand, auf dem er immer wieder herumtippte und scheinbar Nachrichten via Whatsapp verschickte. Sie ahnen vielleicht schon, was jetzt passierte. Wann immer er sein Buch aufschlagen und darin lesen wollte, kam eine neue Nachricht an. Nur die Zeiträume variierten. Mal schaffte er es, ein paar Zeilen voranzukommen, mal hielt ihn das Smartphone derart lange in Schach, dass er das Buch sogar in die Sitztasche packte. Erst kurz vor Dessau-Roßlau steckte er seinen digitalen Begleiter in den Rucksack und widmete sich ausschließlich der Lektüre. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir schon mehr als 100 Kilometer zurückgelegt…

Agieren oder reagieren?

Auch uns Lehrern ergeht es manchmal in der Schule bzw. im Unterricht nicht anders. Auch wir kommen öfters, als uns lieb ist, in Situationen, in denen wir mehrere Dinge gleichzeitig erledigen müssen und uns nicht entscheiden, welcher Tätigkeit wir den Vorzug geben. Meistens passiert dann genau das, was meinem Sitznachbarn im Bus widerfahren ist: Wir reagieren nur noch und geben damit die Entscheidungsgewalt quasi aus unserer Hand.

Denn genau das lief nämlich neben mir im Bus ab. Das Smartphone des jungen Mannes bestimmte sein Handeln. Piepste es, beantwortete er die eingegangene Nachricht, blieb es stumm, schlug er sein Buch auf. Die bewusste Entscheidung fürs Lesen traf er scheinbar erst nach mehr als einer Stunde Fahrzeit.

Wichtigkeit vor Dringlichkeit

Nehmen wir mal folgendes Beispiel aus der Schule an: Es ist Pause. Sie kopieren gerade wichtige Arbeitsblätter für die nächste Unterrichtsstunde. Da werden Sie ans Telefon gerufen. Eine Mutter will sich nach den Noten ihrer Tochter erkundigen. Was machen Sie jetzt? Anders als beim Beispiel aus dem Bus können Sie schlecht beides gleichzeitig erledigen. Also müssen Sie zwangsläufig eine Entscheidung treffen: Was ist Ihnen wichtiger – im Unterricht die Arbeitsblätter dabeizuhaben oder der Mutter Auskunft zu erteilen?

Für mich geht in diesem Fall das Kopieren der Arbeitsblätter eindeutig vor. Es ist wichtiger als das Telefongespräch, denn das ist zwar dringend, aber nicht wichtig. Denn der Mutter kann ich die Noten ihrer Tochter auch noch später mitteilen, z.B. wenn ich sie nach dem Unterricht zurückrufe. Doch viele Kolleginnen und Kollegen reagieren in solchen Fällen oftmals genau andersherum und geben dem Dringlichen den Vorzug, wundern sich aber nachher, dass sie sich (am Telefon) verzettelt und keine Arbeitsblätter im Unterricht dabei haben.

Das Eisenhower-Prinzip

Deshalb sollten Sie das weniger Wichtige immer erst dann erledigen, wenn das Wichtigste erledigt ist. An diesem Grundsatz orientiert sich auch das sogenannte Eisenhower-Prinzip, das zwar nach dem amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower (1890-1968) benannt ist, von dem wir jedoch nicht wissen, ob er seine persönlichen Prioritäten auch nach diesem Verfahren festlegt hat.

Denn je nach Wichtigkeit und Dringlichkeit ordnet das Eisenhower-Prinzip die zu erledigenden Aufgaben in vier Kategorien (A-D) ein. Ist eine Aufgabe wichtig und dringend (A), sollten wir sie selbst und sofort erledigen. Ist die Aufgabe wichtig, aber nicht dringend (B), sollten wir sie terminieren und sie bis zu diesem Termin auch selbst erledigen. Eine Aufgabe, die dringend, aber nicht wichtig ist (C), können wir delegieren. Und Aufgaben, die weder wichtig noch dringend (D) sind, kann man getrost ignorieren.

Termine für unsere Prioritäten

Das Eisenhower-Prinzip macht deutlich, dass eine Priorität nichts anderes ist als die Antwort auf die Frage, was uns wirklich wichtig ist. Und diese Frage müssen Sie – anders als der junge Mann im Bus – aktiv beantworten. Sage ich der Mutter also am Telefon, dass ich keine Zeit habe, bedeutet das, dass ich meine Prioritäten klar gesetzt habe und das Kopieren der Arbeitsblätter als wichtiger erachte. Denn Zeit kann man im Grund genommen nicht haben, Zeit ist eine Frage der Prioritäten. Wer sagt, ihm fehle die Zeit zum Korrigieren, meint in Wirklichkeit: Ich habe andere Prioritäten gesetzt.

Deshalb sollten wir nicht länger Prioritäten für unsere Termine, sondern Termine für unsere Prioritäten setzen. Denn wer weiß, was er will, weiß auch, was er nicht will. Was ist Ihnen wichtig? Setzen Sie die richtigen Prioritäten und lassen Sie sich diese Entscheidung nicht abnehmen.