Fällt Ihnen das auf? In immer mehr Restaurants tragen die Kellnerinnen und Kellner keine Schreibblöcke mehr mit sich herum, sondern nehmen die Bestellungen der Gäste über ein digitales Gerät auf. Anfangs habe ich diese Entwicklung noch wohlwollend registriert, schließlich macht die Digitalisierung auch nicht vor der Gastronomie halt. Doch in letzter Zeit habe ich da so meine Bedenken. Denn viele Servicekräfte schauen mich bei der Bestellung nicht mehr oder nur ganz flüchtig an. Zu sehr sind sie mit ihrem digitalen Helferlein beschäftigt.

Nun muss ich natürlich zugeben, dass auch während der Aufnahme einer Bestellung mit Papierblock und Kugelschreiber nicht ständig Augenkontakt zwischen der Bedienung und den Gästen besteht. Doch den Papierblock und den Kugelschreiber beherrschten alle Kellnerinnen und Kellner. Die Schreibutensilien haben sie im Gegensatz zu ihrem Nachfolger nicht abgelenkt.

Ein komisches Gefühl

Als Gast fühlt sich das komisch an. Sicher, die Empfindung mag subjektiv sein. Aber ich fühle mich als Gast bzw. Kunde in einer noch sehr frühen Phase eines Geschäftsprozesses weder wertgeschätzt noch wahrgenommen. Am liebsten möchte ich aufstehen und gehen. Möglich, dass es Ihnen, meine lieben Leserinnen und Leser, da anders ergeht. Doch es passiert nicht nur im Restaurant.

Auch in anderen Situationen, in denen ich als Kunde oder Gast vor einem Mitarbeiter stehe, ergeht es mir ähnlich. Ich will in ein Hotel einchecken, doch anstatt dass man mich bedient, daddelt die Dame an der Rezeption auf ihrem Handy herum und verschickt Küsse und Herzchen via WhatsApp. Ähnliches passiert mir in Läden und Werkstätten: Da werden mir Produkte vorgestellt oder Rechnungen über einen vierstelligen Betrag erklärt, ohne dass derjenige von seinem Computer, Laptop oder Tablet überhaupt zu mir aufblickt. Nicht mal, wenn ich eine Frage stelle.

Die Menschen stehen immer weniger im Mittelpunkt

In vielen Unternehmen sieht es nicht anders aus: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter scrollen während der Präsentation einer Kollegin die Timelines rauf und runter. Vorgesetzte leiten Konferenzen, sind aber mit ihren Gedanken eher auf Facebook, Twitter oder bei ihren Emails. Scheinbar sind die Zeiten, in denen man das noch alles heimlich unter dem Tisch gemacht hat (was auch nicht von Anstand zeugte), längst passé. Es ist en vogue, das offen und sichtbar für alle zu tun.

Selbst in den Schulen sieht es nicht anders aus. Manche Lehrerinnen und Lehrer stehen ihren Schülern mittlerweile in nichts nach und daddeln im Unterricht genauso freizügig auf ihren Smartphones herum. Warum nutzen sie diese digitalen Geräte nicht sinnvoller?

Viele Lehrkräfte genieren sich auch nicht, in Lehrerfortbildungen ständig mit dem Smartphone oder Tablet beschäftigt zu sein. Die einen lesen frech ihre digitale Zeitung, andere machen ungefragt Fotos von mir und meinen Inhalten, manche lesen sogar unbekümmert auf ihrem Kindle.

Offenbar hat sich etwas in den Mittelpunkt (lat. „Medium“) unserer menschlichen Beziehungen gedrängt. Meist ist es das Smartphone. Wie oft habe ich schon beobachtet, dass selbst Paare während des Essens im Restaurant nicht mehr miteinander sprechen, weil beide mit ihren digitalen Geräten beschäftigt sind. Genauso sind auch immer mehr Eltern nicht mehr bei ihren Kindern. Sie sitzen in der Straßenbahn und daddeln vor sich hin, während die Kleinen auf ihrem Schoß von ihnen die Welt draußen erklärt haben wollen. „Wir haben noch nie soviel kommuniziert wie heute und noch nie so wenig miteinander gesprochen.“, sagt der Erfurter Kommunikationswissenschaftler Joachim Fröhlich.

Viel Kommunikation, wenig Wertschätzung

Wir haben auch noch nie so offen unsere Geringschätzung für unser Gegenüber gezeigt. Auch diese machen die technischen Geräte nun sichtbar. Dabei sind die digitalen Geräte per se nichts Schlechtes – im Gegenteil. Sie sind hervorragende Arbeitsutensilien. Ohne sie wären die Welt und unsere Möglichkeiten darin ein Stück weit kleiner.

Doch sie stellen sich zwischen uns und unsere Mitmenschen. Sie drängen sich in den Mittelpunkt und beeinträchtigen die Qualität unserer Beziehungen. Dabei ist diese Beziehungsqualität in sehr vielen Situationen des privaten und beruflichen Alltags von enormer Bedeutung: im Hotel, im Restaurant, im Laden, im Unternehmen und vor allem in der Schule. Ich bin überzeugt: Je digitaler das Leben wird, umso wichtiger wird die Art und Weise, wie wir Menschen uns begegnen.

Die Qualität menschlicher Beziehungen 

Wir werden weiterhin unser Gegenüber nicht nur sehen, sondern auch wahrnehmen müssen. Denn nur so können wir uns auf ihn und seine Bedürfnisse sowie Wünsche konzentrieren. Nur wer wirklich aufmerksam ist, kann einem Menschen freundlich und authentisch begegnen, sich in ihn hineinversetzen und ihn verstehen.

Das ist jedoch nahezu unmöglich, wenn wir unsere Aufmerksamkeit und Konzentration vorrangig einem technischen Gerät schenken bzw. von ihm abgelenkt werden. Besonders sichtbar wird diese Ablenkung, wenn wir das digitale Gerät oder die Software, die sich darauf befindet, nicht beherrschen.

Die Qualität menschlicher Beziehungen wird nicht durch ein digitales Medium gesteigert, sondern immer nur durch die Menschen selbst. Also fangen wir doch damit wieder an, bevor wir es immer mehr verlernen.

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