Verlieren unsere Schülerinnen und Schüler die Fähigkeit, sich zu konzentrieren? Seit geraumer Zeit glaube ich zu beobachten, dass immer mehr Kinder und Jugendliche Schwierigkeiten haben, dem Unterricht über eine gewisse Zeitspanne aufmerksam zu folgen.

Selbstverständlich kann mir jeder erfahrene Pädagoge jetzt vorhalten, dass es Schülern noch nie leicht gefallen ist, sich im Unterricht über 30, 60 oder gar 90 Minuten zu konzentrieren. Um diese Zeitfenster geht es mir auch gar nicht. Vielmehr rede ich von erheblich kürzeren Zeitintervallen von fünf bis zehn Minuten.

Besonders fällt mir dieses Phänomen mittlerweile auf, wenn ich eine Klasse am frühen Vormittag unterrichte. Dass sich die Schüler am Nachmittag nicht mehr so gut konzentrieren können wie in der ersten, zweiten oder dritten Stunde – geschenkt! Doch dass es einigen Schülerinnen oder Schülern bereits wenigen Minuten nach Schulbeginn nicht mehr gelingt, sich auf einen Text, eine Aufgabe oder ein Gespräch zu fokussieren, ist neu.

Wie ist das nur möglich?

Das weiß ich leider nicht. Wahrscheinlich sind mehrere Ursachen dafür ausschlaggebend. Im Referendariat habe ich gelernt: Schüler, die sich leicht ablenken lassen, sind entweder unter- oder überfordert, wobei Letzteres sicherlich häufiger zutrifft. Schließlich gibt es ja mittlerweile viele überambitionierte Eltern, denen die Schulkarriere ihres Kindes über alles geht – auch über das Wohl ihres eigenen Kindes.

Doch das ist sicherlich nicht der einzige Grund für die Zunahme der Konzentrations- und Lernschwierigkeiten in den Klassenzimmern unserer Republik. Auch die digitalen Medien sind an dieser Entwicklung wohl nicht ganz unschuldig.

Denn anders als zu meiner Schulzeit kommen gerade an den weiterführenden Schulen jeden Morgen mittlerweile viele Kinder und Jugendliche ins Klassenzimmer, die nicht selten schon mehr als 30 Minuten (!) online waren. Als Kind der 80er- und frühen 90er-Jahre erspare ich Ihnen jetzt die vielen Diskussionen, die ich mit meinen Eltern über einen eigenen Fernseher oder PC im Kinderzimmer geführt habe.

Diese Zeiten sind vorbei. Heute tragen die Schülerinnen und Schüler ihren Fernseher in der Hosentasche. Fast alle besitzen ein Smartphone und bringen damit quasi das Internet in die Schule mit, was zweifelsfrei neue Möglichkeiten für den Unterricht eröffnet.

Doch ist nicht alles Gold, was digital glänzt. Sicherlich, die Ausstattung der Schulen mit digitalen Medien und die Ausbildung der Lehrkräfte im Umgang mit diesen müssen unbedingt und so schnell wie möglich vorangetrieben werden. Einerseits. Andererseits sollten wir jedoch in der Schule und im Elternhaus unbedingt weiterhin darauf Wert legen, dass unsere Kinder die Fähigkeit nicht verlieren, sich auch ohne ein digitales Gerät über einen längeren Zeitraum auf etwas konzentrieren zu können.

Für das Leben lernen 

Denn die Gefahr besteht, dass genau solche Fähigkeiten unserer Jugend langfristig abhanden kommen. Vor allem, wenn sich die Schülerinnen und Schüler nicht mehr zwangsläufig mit etwas beschäftigen müssen, das sie nicht auf Anhieb fesselt oder interessiert. Und da gehört so etwas wie Unterricht heutzutage und auch in Zukunft immer noch dazu – auch dann noch, wenn zunehmend mit digitalen Medien unterrichtet wird. Schließlich ist das Rezept gegen Langeweile auf dem Smartphone, Tablet oder Laptop ja denkbar einfach: Was mich nicht fasziniert, klicke oder wische ich weg – zack, einfach so.

In der Realität funktioniert das nicht so einfach. Wer auch nur einmal versucht hat, seine Steuererklärung zu machen, einem Kunden die allgemeinen Geschäftsbedingungen seines Bankkontos zu erklären oder die Klauseln in seinem Mietvertrag zu verstehen, weiß, wovon ich rede. Ohne Konzentration, Ausdauer und Durchhaltevermögen kommt man da nicht aus.

Daher ist die Reaktion vieler Schüler, sich gedanklich von einer komplizierten Matheaufgabe oder einem mehrdeutigen Kafka-Text schleunigst zu distanzieren, auf den ersten Blick durchaus verständlich. Schließlich funktionieren Facebook, Twitter oder Instagram nach dem gleichen Prinzip. Doch was, wenn sich dieses Schema irgendwann zu einem bevorzugten Reaktionsmuster entwickelt?

Ja, dann haben wir ein Problem. Und viele Menschen, die nur noch bedingt dazu in der Lage sind, sich selbst zu disziplinieren und ausdauernd zu konzentrieren. Daher sollten wir auch in Zeiten, in denen viele (übrigens auch ich) lautstark nach der Digitalisierung der Schulen schreien, weiterhin auch diese Fertigkeiten an die Kinder und Jugendlichen vermitteln.

Die Eltern zuhause, die Lehrkräfte in der Schule.