Karin Kurth

Karin Kurth

Ökonomin

Karin Kurth ist Diplom-Ökonomin und arbeitet freiberuflich als Trainerin und externe Partnerin einer Berliner Integrierten Gesamtschule mit Schülern der Sekundarstufe II an deren Berufswegeplanung. Ehrenamtlich engagiert sie sich seit 2009 als Lesepatin im Bürgernetzwerk Bildung des Verbandes Berliner Industrieller und Kaufleute (VBKI) und liest mit Montessori-Schülern der Klassen 1-3 an der Bücherwurm-Grundschule in Berlin-Hellersdorf.

„Wie heißt das nochmal mit der Dunkelheit?“

„Was ist das denn für ein Tier, der Kopankus (Nikolaus Kopernikus)?“
„Stimmt´s, die nächste Sonnenfinsternis erlebst Du nicht?“

Auf die Fragen eins und zwei hatte ich sofort eine Antwort. Frage drei machte mich für den Bruchteil einer Sekunde sprachlos. Soweit hatte ich gar nicht gedacht. Was mir der kleine Kerl, acht Jahre alt, hochintelligent und großer Fan von Astrid Lindgren, da unter die Nase rieb, ist schlicht und ergreifend die Wahrheit. Erst 2076 gibt es wieder eine totale Finsternis wie die vom Freitag, den 20. März 2015.

Kinder sind wunderbar ehrlich und direkt. Schonungslos sprechen sie aus, was sie denken. Und sie meinen meist auch, was sie sagen.

Wir Erwachsenen dagegen sprechen mit Vorliebe in Codes und Rätseln. Wir lügen uns ins Gesicht oder reden hinter vorgehaltener Hand. Oft reden wir gar nicht. Wir schweigen uns an oder aus.

Auch ich bin davor nicht völlig gefeit, doch niemals mache ich das mit einem Kind. Kinder fühlen heftiger als wir Erwachsenen Ungereimtheiten, Ungerechtigkeit und Halbherzigkeit. Aber sie reagieren freudig auf ehrliche Zuneigung und ernstgemeinte Worte. Das ist einer der Gründe, die meine Tätigkeit als ehrenamtliche Lesepatin zum Vergnügen machen.

Seit mehr als sechs Jahren ist der Freitag mit meinen Lesepatenkindern der fröhlichste Tag der Woche.

Ein Freitag mit meinen Lesepatenkindern bedeutet:

  • die Liste der Lesekinder aktualisieren,
  • spannenden Lesestoff aussuchen,
  • den E-Book-Reader aufladen,
  • Sticker besorgen (Danke, liebe Zeitungsfrau!),
  • an die Lobkärtchen denken,
  • unbedingt einen Kuli einstecken (Geborgte Füller klecksen gerne).

Warum führe ich eine Liste?
Kinder bestehen auf Gleichbehandlung, setzen sich aber gerne zum eigenen Vorteil darüber hinweg. Gerecht zu sein, funktioniert am besten mit einem schriftlichen Nachweis darüber, wer wann mit mir lesen durfte.

Was ist spannender Lesestoff?

Bücher sind meine ständigen Begleiter, solange ich denken kann. In der Grundschule lasen wir „Tim Thaler oder das verkaufte Lachen“, „Robinson Crusoe“, die Kinderbuchklassiker von Erich Kästner und die Bücher vieler weiterer Autoren. So gut wie jeder Schüler war in der Bibliothek eingeschrieben und im Kinderbuchclub angemeldet. In der Schule und im Hort wurde oft vorgelesen. Einen Haushalt ohne Bücher gab es praktisch nicht.

Heute ist das leider anders. Und deshalb gibt es Lesepaten.

Die Fülle an Lesestoff ist größer denn je. Neugier sollen Bücher wecken. Humor soll darin verborgen sein. Die Kinder sollen etwas lernen, das haften bleibt. Ihre Phantasie braucht Nahrung. Deshalb nutze ich gerne die Klassenbibliothek und setze auf die Autoren meiner Kindheit. „Der Struwwelpeter“ und „Max und Moritz“ kommen trotz oder vielleicht gerade wegen der „Moral von der Geschicht´“ bei den Kindern gut an. Wichtig ist mir auch, dass die Kleinen ein Sprachgefühl entwickeln. Reime sind nicht einfach zu lesen, auch Witze nicht. Hier können sich die Kinder selbst überprüfen. Verstehe ich, was ich vorlese? Kann ich Fragen zum Text beantworten? Lachen meine Zuhörer, weil sie den Witz verstanden haben? Ein kleiner Junge mit großen Leseproblemen kam mit einem Buch über die Eisenbahn zu mir. Fakten, die ihn interessierten, konnte er kurioserweise zügig erfassen und vorlesen. Als er dann noch anfing, den Rauminhalt eines Waggons zu berechnen, war der Knoten endgültig gerissen.

Alles, was es brauchte, war ein bisschen Geduld.

Wieso verwende ich einen E-Book-Reader?
Auch wenn ich keinen missionarischen Eifer an den Tag lege, lesen zu lernen ist eine Pflicht. Manchem Kind, speziell Jungen, muss ich sie versüßen. Dabei hilft mir die Technik.

Man sollte nicht glauben, wie die Möglichkeit, Schriftgröße und Schriftart zu wählen, das Interesse am Lesen beeinflusst. Auch die Fülle an Inhalten, aus denen sich wählen lässt, ist bestechend. Außerdem braucht niemand ein Lesezeichen. Viele Geschichten sind exklusiver Lesestoff eines Kindes. Der besondere Nutzen von E-Book-Readern liegt nach meiner Erfahrung in der Darstellung des Textes auf nur einer Seite. Kinder mit ADHS oder LRS werden nicht von den Inhalten der anderen Seite abgelenkt wie beim Lesen eines Buches. Die positive Wirkung wird sofort deutlich und ermutigt ungemein.

Brauchen Kinder für ein bisschen Vorlesen Lob?

Natürlich! Die Freude über ein ehrliches Feedback ist groß. Und Grund zu loben gibt es immer – selbst wenn es beim Lesen nicht so prächtig lief. Wer je Kinder gefragt hat, was es vor fünf Minuten zu Mittag gab, weiß um deren Vergesslichkeit. Deshalb ist ein schriftliches Lob einfach die beste Lösung. Sticker auszusuchen und das Kärtchen damit zu verschönern, ist ein beliebtes Ritual. Meine Lesekinder sammeln ihre Lobkärtchen und zeigen sie auch ihren Eltern.

Mehrmals wurde ich schon ermahnt: „Mama sagt, Du sollst ordentlich schreiben.“, „Deine Schrift kann ja keiner lesen.“, „Kannst Du keine Druckschrift?“, „Du musst Dir nur ein bisschen mehr Mühe geben!“. Stimmt, ich arbeite daran – jeden Freitag.

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