Vor Beginn eines neuen Schuljahres habe ich es mir mittlerweile zur Tradition gemacht, Markus Orths´ Roman Lehrerzimmer zu lesen.* Darin rät der Schulleiter des fiktiven Göppinger Gymnasiums ERG, Höllinger, dem neuen Kollegen Kranich, sich unbedingt mit den Vornoten der Schüler vertraut zu machen. „Diese jungen Lehrer“, so der Direktor, „kämen an die Schule und dächten, sie könnten ganz von vorn anfangen. Dächten sie bräuchten sich nicht zu scheren, um das, was vor ihnen gewesen sei.“ Über diese Passage muss ich immer wieder schmunzeln. Denn mit den Schülerakten stand auch ich jahrelang auf Kriegsfuß. Bis ich in einem Buch über das Phänomen des relativen Alters las..

Seither sehe ich mir die Notenbögen gewissenhafter an. Doch mich interessieren in erster Linie nicht die Noten des vorherigen Schuljahres, sondern das Geburtsdatum meiner Schülerinnen und Schüler. Und schuld an diesem Interesse ist der ehemalige Wirtschafts- und Wissenschaftsreporter der Washington Post, Malcom Gladwell.

Warum das Geburtsdatum von Bedeutung ist 

Denn in seinem Buch Überflieger** geht Gladwell der Frage nach, warum manche Menschen erfolgreich werden und andere nicht. Dabei erwähnt er auch jenes Phänomen, auf das der kanadische Psychologe Roger Barnsley Mitte der 80er Jahre aufmerksam wurde. Ihm bzw. vielmehr seiner Frau fiel nämlich bei Betrachtung der Aufstellung eines Eishockeyteams auf, dass die meisten Spieler in den Monaten Januar, Februar und März geboren waren.

Barnsley war rasch klar, dass es sich hierbei wohl kaum um einen Zufall handeln konnte, zumal auch andere Mannschaften eine ähnliche Verteilung aufwiesen. Schnell wurde des Rätsels Lösung gefunden: Es lag am Stichtag der Zulassung für eine Altersgruppe im Eishockey, dem 1. Januar.

Je älter ein Spieler also ist, umso größer ist seine Chance erfolgreich zu werden. Seine Geburt verschafft ihm einen Vorteil und dieser Vorteil führt zum Erfolg. Nun rufen Erfolge meist neue Erfolge hervor – ein Prinzip, das der Soziologe Robert Merton operationalisiert und nach einem Vers aus dem Neuen Testament als „Matthäus-Effekt“ bezeichnet hat.

Reif für die Einschulung?

Womit wir beim Thema Einschulung angelangt wären. Hier gilt für Bayern z.B. der 30. September als Stichtag. Kinder, die bis zu diesem Tag sechs Jahre alt werden oder bereits einmal von der Aufnahme in die Grundschule zurückgestellt wurden, werden eingeschult. Zusätzlich können Kinder, die bis zum 31. Dezember sechs Jahre alt werden, auf Antrag der Eltern ebenso schulpflichtig werden, wenn zu erwarten ist, dass das Kind mit Erfolg am Unterricht teilnehmen wird.

Soweit die (etwas vereinfacht dargestellten) Regularien. Doch was bedeutet das im konkreten Fall? Dass in einer Klasse z.B. (Wiederholer mal ausgenommen) Kinder ohne Weiteres eine Altersdifferenz von nahezu anderthalb Jahren aufweisen können – ein Unterschied, der uns bei einem Eishockeyspiel oder beim 100m-Lauf in der Regel sofort auffallen würde.

Und im Klassenzimmer?

Im Klassenzimmer sehen wir diese Differenz meist nicht. Zwar fallen uns vermutlich Unterschiede in der körperlichen Entwicklung auf, welche geistige Reife die Kinder jedoch mitbringen, vermögen wir häufig nicht genau zu erkennen. Zumal es hier ja auch viele junge Schülerinnen und Schüler gibt, die sehr gut in der Schule mitarbeiten und großartige Erfolge erzielen.

Doch gerade im Alltags blenden wir das Geburtsdatum der Schüler häufig aus. Wenn wir von den Schülern reden, reden wir von der Klasse – also der Masse. Wer Unterricht hat, geht in die 7c, wer eine 5. Klasse unterrichtet, unterrichtet eine 5. Klasse und keine April- oder November-Geborenen.

Ohne den schulischen Erfolg der älteren Schülerinnen oder Schüler klein reden zu wollen, sollten wir Lehrer uns auch die Frage stellen: Erzielen diese vielleicht gute Noten, weil sie reifer sind? Und sind jüngere Schüler, bei denen sich dieser Erfolg noch nicht einstellen will, weder auffällig noch dumm, sondern vielleicht einfach noch nicht reif genug?

Wer von Binnendifferenzierung und Individualisierung im Unterricht redet, sollte meiner Meinung nach unbedingt auch auf das Geburtsdatum seiner Schülerinnen und Schüler achten und Wissenslücken oder Kompetenzmängel nicht mit fehlender Reife verwechseln. Dann könnten den jüngeren Schülerinnen und Schülern in Zukunft solche Diagnosen, über die der Spiegel erst kürzlich berichtete, erspart bleiben.

Ein Blick in die Schülerakten kann sich also durchaus lohnen. Auch Direktor Höllinger verlangt von Kranich, dass er sich die Akten so schnell wie möglich ansieht. Der einzelne Lehrer sei, so der Schulleiter in Markus Orths´ Roman* nur ein winziger Teil im großen Ganzen. Das Orchester habe lange vor ihm zu spielen begonnen.

Wie wahr.

* Markus Orths: Lehrerzimmer. Frankfurt am Main 2003, S. 89.

** Vgl. Malcom Gladwell: Überflieger. Warum manche Menschen erfolgreich sind und andere nicht. Frankfurt am Main 2009, S.24f. und S. 30-35.