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Das Beppo-Straßenkehrer-prinzip

Schritt für Schritt zum Erfolg

Erinnern Sie sich an Michael Endes Märchen-Roman „Momo“? Dort wird im vierten Kapitel Beppo Straßenkehrer näher vorgestellt. Beppo ist einer von Momos beiden besten Freunden. Eigentlich heißt er mit Nachnamen ganz anders. Da er aber Straßenkehrer ist und alle Leute ihn deswegen Beppo Straßenkehrer nennen, nennt er sich auch so.

Der alte Beppo liebt nicht nur die schlafende Stadt vor Tagesanbruch, sondern auch seine Arbeit. Jeden Tag kehrt er mit einem Besen eine Straße, die ihm zugewiesen wird. Obschon seine Arbeit monoton und die Straße oft sehr lang ist, empfindet er Freude bei seiner Tätigkeit, bei der ihm oft große Gedanken kommen.

Warum das so ist, erklärt er eines Abends Momo genauer. Das Geheimnis, so Beppo, lege nämlich darin, wie man gedanklich an die Aufgabe herangehe. Wenn man die lange Straße als Ganzes betrachte, würde man anfangen, sich zu beeilen. „Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, daß es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluß ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem.“ *

Beppo geht deshalb anders an seine Aufgabe heran. Er kehrt die Straße langsam, aber beharrlich. Schritt für Schritt, Atemzug um Atemzug, Besenstrich nach Besenstrich. „Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken“, erklärt er Momo. „Man muß nur an den nächsten Schritt denken. […] Auf einmal merkt man, daß man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste.“**

Was wir von Beppo Straßenkehrer lernen können

Beppos Art zu arbeiten bezeichne ich als das Beppo-Straßenkehrer-Prinzip. Es verdeutlich sehr gut, wie man hoch gesteckte Ziele langfristig am besten erreichen kann. Nämlich indem man sich immer wieder auf den nächsten Schritt konzentriert.

Beppos größte Stärken sind zweifelsfrei seine Geduld und seine Ausdauer – wichtige Eigenschaften, die in unserer schnelllebigen Zeit hin und wieder in Vergessenheit geraten. Viele wollen alles so schnell wie möglich erreichen: in sechs Wochen 20 Kilo abnehmen, eine neue Website in drei Tagen gestalten, sich in zwei Wochen selbstständig machen, den Gewinn in einem einzigen Quartal steigern. Hin und wieder mag das eine gelingen, meist werden die ambitionierten Ziele jedoch verfehlt.

Der Grund, weswegen wir scheitern, liegt auf der Hand. Wir scheitern nicht, weil wir es nicht können, sondern weil wir uns zu wenig auf die einzelnen Schritte konzentrieren. Natürlich darf man auch das große Ganze – die Straße – nicht außer Acht lassen. Doch die meisten von uns fokussieren sich fast ausschließlich darauf.

Und dann tritt genau ein, was Beppo Straßenkehrer Momo erklärt. Man beeilt sich, das Ziel zu erreichen. Und sprintet los wie ein Radfahrer bei der Tour de France. Man gibt Gas – im Prolog, auf den ersten Etappen. Man will das Feld hinter sich lassen, um so schnell wie möglich das Gelbe Trikot zu erlangen. Und macht die Rechnung ohne das Zeitfahren und die Bergetappen: Die Kräfte schwinden, der Radfahrer bricht ein – und muss aufgeben. Der Besenwagen sammelt ihn ein.

Im Besenwagen des Lebens

So wie es dem Radfahrer ergeht, ergeht es vielen von uns. Menschen, die abnehmen wollen, verzichten drei Tage lang auf jegliche Nahrung, um am vierten Tag nach einer Hungerattacke resigniert aufzugeben. Andere wollen sich selbstständig machen, scheitern jedoch, weil sie nur ihr Produkt im Blick haben, nicht aber die Bedürfnisse ihrer Zielgruppe. Unternehmen, die erfolgsverwöhnt sind, ignorieren die Beschwerden ihrer Kunden und wundern sich, warum diese auf einmal zur Konkurrenz überlaufen.

Alle Beispiele zeigen deutlich. Wir können uns, wollen wir uns oder die Dinge verändern, nicht ausschließlich auf das Ergebnis fokussieren. Wir müssen vor allem den Prozess im Auge behalten und den Weg zum Ziel kontinuierlich gehen: Schritt für Schritt, Atemzug um Atemzug, Besenstrich nach Besenstrich.

Genau wie Beppo Straßenkehrer.
* / ** Michael Ende: Momo. Wiener Verlag, S. 36f. 

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