Wir leben im Zeitalter der Vernetzung. Jeder und alles, Menschen wie Gegenstände verbinden sich miteinander. Viele Menschen folgen sich gegenseitig auf Facebook, Twitter & Co, viele ohne sich persönlich zu kennen. Selbst vor den eigenen vier Wänden macht die Vernetzung nicht Halt. Scheint die Sonne ins Zimmer, fährt der Rollladen eigenmächtig herunter oder die Heizung schaltet sich aus. Ist die Waschmaschine fertig, klingelt der Ofen. Haushaltsgeräte verbinden sich miteinander und bilden so manche Liaison, an die vor ein paar Jahren noch niemand überhaupt gedacht hätte.

Umso erstaunlicher ist es daher, dass ein solcher „vernetzter Geist“ im deutschen Bildungssystem noch relativ selten zu finden ist. Ausnahmen mögen die Regel zwar bestätigen, insgesamt tun sich Universitäten, Schulen und Kindergärten immer noch schwer, wenn es darum geht, zueinander zu finden und handfeste Kooperationen einzugehen.

Kontakt statt Kooperation

Selbst dort, wo die einzelnen Bildungs- und Jugendeinrichtungen räumlich nah beieinander liegen, findet eine echte Kooperation kaum statt. Kindergärten, Grundschulen und weiterführende Schulen halten zwar Kontakt zueinander, eine verbindliche Zusammenarbeit erwächst jedoch meist nicht.

Dabei könnten derartige Bildungskooperationen von enormen Nutzen für das gesamte Bildungssystem sein. Beispiel: Einschulung. Den Vorschulkindern sowie deren Eltern würde eine intensive Zusammenarbeit zwischen Kindergarten und Grundschule sehr entgegenkommen und die Einschulung erleichtern. So könnten bspw. Schulklassen und Kindergartenkinder sich gegenseitig besuchen. Auch könnten sich die Kindergartenpädagoginnen und Grundschullehrkräfte miteinander vernetzen und sich und ihre Arbeit besser aufeinander abstimmen.

Auch beim Übertritt auf eine weiterführende Schule oder bei einem unvorhergesehenen Schulwechsel wäre eine derartige Kooperation von großem Vorteil. Auch hier könnte eine gezielte Abstimmung zwischen den Schulen die Situation für die betroffenen Schülerinnen und Schüler leichter und stressfrei machen.

Die Schülerinnen und Schüler im Mittelpunkt

Würden sich alle Schulen in einem bestimmten geografischen Umkreis miteinander vernetzen, käme das in erster Linie den Schülerinnen und Schüler zugute. Sie wären die wahren Sieger, hätten sie doch somit eine echte Chance, sich entsprechend ihrer Möglichkeiten bestens zu entfalten.

Diese Entwicklung schließt allerdings mit ein, dass nicht nur die Schulen und Bildungseinrichtungen untereinander eine Kooperation eingehen. Auch Sportvereine, Nachhilfeinstitute, Computerclubs und Musikschulen sollten zu einem solchen Netzwerk dazugehören. Um ein Kind zu erziehen, braucht man bekanntermaßen ein ganzes Dorf.

Doch damit diese Erziehung auch gelingt, darf die Kooperation nicht nur so dahinplätschern. Sich nur kennen zu lernen, um zu wissen, dass der andere existiert, reicht nicht aus. Eine qualitativ hochwertige Zusammenarbeit im Bildungsbereich braucht vor allem Tiefe und eine gezielte pädagogische Abstimmung. Dabei ist die Kommunikation untereinander von großer Bedeutung. Und doch zahlt sich dieser Aufwand aus – zum Beispiel bei der Ganztagesbetreuung. Wie praktisch ist es doch, wenn Verantwortliche des Fußballvereins die Kinder aus der Schule zum Training abholen oder die Lehrkräfte der Musikschule zum gemeinsamen Musizieren in die Schule kommen.

Vorbild Wien

In Wien sind solche Kooperationen unter Bildungspartnern schon längst Realität. In so genannten „Bildungsgrätzl“ („Grätzl“: wienerische Bezeichnung für einen Teil eines Wohnviertels) vernetzen sich (Ganztages-)Volksschulen, Mittelschulen und Oberstufenrealgymnasien lokal miteinander. Gemeinsam werden Feste gefeiert, an denen Sportvereine kräftig mit Hand anlegen. Erzieherinnen und Erzieher hospitieren bei den Lehrkräften der Volksschulen und umgekehrt und die Kindergartenpädagoginnen und –pädagogen assistieren den zukünftigen Schulkindern und ihren Eltern sogar bei der Einschreibung.

Auch zwischen den Volksschulen und den weiterführenden Schulen wird kooperiert, was das Zeug hält. Gemeinsame Projekte wie Lesenächte werden ins Leben gerufen. Und nicht selten tauchen bei der Verteilung der Matura-Zeugnisse (Abitur) die Schulleitungen der Grundschulen auf, um ihren ehemaligen Schülerinnen und Schülern herzlich zum Schulabschluss zu gratulieren.

Solche Bildungskooperationen sollten Schule machen.

Weiterführende Links

Schulentwicklung – Professionelle Beratung für Schulen 
Pioniere neuer Bildungsformen – „Bildungsgrätzl“ in Wien
Die teamorientierte Schule – Wenn Lehrkräfte zu Teamplayern werden
Kollegiale Unterrichtshospitationen – Voneinander lernen, miteinander wachsen